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I Can Hear You - oder: Anonym in Berlin



Was ist denn jetzt schon wieder? Hat es vielleicht Hunger? Oder schon wieder die Windeln voll? Es schreit und plärrt und quäkt und ich bin völlig überfragt. Und auch wenn ich wüsste, was zu tun ist, ich kann und werde nichts gegen das Brüllen des Babys ausrichten können. Ich bin schließlich nur die Nachbarin auf der anderen Seite einer scheinbar doch sehr dünnen Wand. Alles was ich tun kann, ist die Musik lauter zu drehen. 

Seit dreieinhalb Jahren wohne ich in meiner jetzigen Wohnung in einem 9-Parteienhaus. Gleich an meinem ersten Tag performte der Nachbar von unten den obligatorischen Besen-Decke-Gruß und hieß mich herzlich Willkommen, während ich versuchte meinen neu erstandenen Badezimmerschrank zusammen zu bauen. Vielleicht grüß ich demnächst mal zurück, sobald die Birke, die aus seinem Blumenkasten wächst, meinen Balkon erreicht hat. Lange kann es nicht mehr dauern. 


Ich höre was, was ich nicht seh


Die Wohnung ist sehr hellhörig, war das also schon mal direkt von Anfang an geklärt. Ohne es unbedingt zu wollen, hat sich dank der verschiedenartigen Geräusche, die durch die Wand zu mir dringen, in meinem Kopf ein ungefähres Bild der Wohnzimmerwand-Nachbarsfamilie formen können. Seit circa zweieinhalb Jahren besitzt das vermutlich junge Paar einen Hund, den sie anfangs oft alleine lassen mussten. Seinem endlosen Jaulen nach zu urteilen schien ihm das weniger gut zu gefallen. Nach einer hartnäckigen Erkältung im letzten Winter, bei der ich mich schon fast zusammenreißen musste, nicht doch mal ein „Gesundheit!“ durch die Wand zu rufen, entschieden die beiden wohl den nächsten großen Schritt zu gehen und eine Familie zu gründen. Vor zwei Monaten trat nun das kleine, süße Schrei-Baby in unser Leben. Den Hund hört man nur noch selten bellen, wahrscheinlich weil Dank des Babys jetzt immer jemand zu Hause ist.  

Genauso, wie ich sie höre, hören sie sicherlich auch mich und mokieren sich abends auf dem Sofa: „Jetzt tippt die wieder so laut.“ Die können froh sein, dass sie Anfang des Jahres nicht Ohrenzeuge meiner neverending Bronchitis werden mussten. Die war einzig den Schlafzimmerwand-Nachbarn vorbehalten. Um der Dicke der Wände bewusst, schlich sich bei mir nach einer Woche Dauerhusten langsam ein schlechtes Gewissen ein. Die Nachbarn waren mit Sicherheit ähnlich erfreut wie ich, als mein Husten sich allmählich lockerte und langsam abklang. Naja, jetzt sind wir quitt. Ich bin schließlich auch schon des Öfteren durch das Klingeln ihres Nachtschicht-Weckers aufgewacht. Und das wäre nicht mal das Schlimmste. Schlafzimmerwand-Nachbarn sind nochmal eine ganz andere Liga. 

Wie gesagt, wir sind quitt.

Anonym in Berlin

 

Ich wuchs in einer Kleinstadt auf. In meiner Kindheit kannte ich die Anwohner der ganzen Straße beim Namen. In Berlin lebt man anonym. Und eigentlich bin ich ganz froh darüber, dass ich nicht weiß, wer hinter dem wandgefilterten Niesen, Quäken und Stöhnen steckt. Ich bin froh, dass ich keinen aufgesetzten Smalltalk halten muss, wenn ich ein beim Nachbarn abgegebenes Paket abhole. Ich bin froh, dass ich nicht immer wieder dem Nachbarn von gegenüber winken muss, nur weil wir uns irgendwie kennen. Weil wir in derselben Straßen wohnen. Weil wir uns oft sehen. 

So ein Kandidat wäre zum Beispiel der Mann von gegenüber oder wie ich ihn nenne: Der Mann im orangenen Pullover. Mehrmals am Tag geht er auf den Balkon, um zu rauchen. Dabei zieht er jedes Mal seinen wohl extra dafür vorgesehenen, orangenen Rauch-Pullover an. Wenn ich die Wäsche aufhänge, die Rollläden runter lasse oder einfach nur mal Luft schnappen will - er ist da. Man kann schon behaupten, wir sehen uns täglich und dennoch bezweifle ich, dass ich ihn, zufällig beim Einkaufen getroffen, erkennen würde. Es sei denn er trägt einen orangenen Pullover und einen Balkon vor sich her. 

Same Same, but...Same


Während ich meinen Hitchcock'schen Blick über die Nachbarn von gegenüber streifen ließ, ist mir vor einiger Zeit etwas Interessantes aufgefallen. Zum einen, dass viele Menschen heutzutage auf Vorhänge oder Gardinen verzichten. Zum anderen, dass die Nachbarn von gegenüber einen sehr ähnlichen Einrichtungsgeschmack haben. Besonders abends kann man gut erkennen, dass das junge Paar von ganz oben und das wahrscheinlich ebenso junge Paar aus der Etage darunter, exakt das gleiche Bild an exakt derselben Stelle hängen haben. Nicht nur ein Bild. Es ist Das. Gleiche. Bild. Man könnte meinen, dass sei ein unheimlich großer Zufall. Andere sagen, es ist Schicksal. Oder das Shining?! Aber ehrlich gesagt, nein. 

Es ist Ikea.






Everything Changes - oder: Vom Sonnenstich zur Mittelohrentzündung





Ja ich weiß, übers Wetter redet man nur, wenn man gerade nichts anderes zu sagen hat...das lass ich einfach mal so stehen. Aber ihr müsst doch zugeben, dass das Wetter da draußen zur Zeit der perfekte Conversation-Starter ist. Vor etwa einer Woche habe ich mich nachts noch hin und her gewälzt, weil mir die Hitze keinen angenehmen Schlaf erlaubte, letzte Nacht habe ich kurz überlegt, ob ich schon die Biberbettwäsche draufziehen kann.  

Es ist ja nicht so, dass ich einen endlosen Sommer bevorzugen würde. Jahreszeiten sind schon was Gutes. Nur der rasante Übergang von Sonnenstich zu Mittelohrentzündung ist für die Gattung Mensch scheinbar nicht ohne Grummeln machbar. Wäre es nicht traumhaft, wenn nicht nur die Blätter von den Bäumen, sondern auch die Temperaturen nach und nach abfallen würden, sodass man sich langsam dran gewöhnen und immer die passende Kleidung anziehen könnte?

Aber allein während ich gerade die Wäsche auf dem Balkon aufhängte, zeigte mir das Wetter das ganze Repertoire seiner Wandelbarkeit. Erst sonnig-schön, dann frostig-frisch (der Trick mit der Wolke vor der Sonne) und dann zog es noch das Ass: „dunkle Wolkenwand mit höchster Regenwahrscheinlichkeit“ aus dem Ärmel. Letzteres wird meiner Wäsche gar nicht gefallen, weshalb der Wäscheständer bald wieder für die nächsten 8 Monate als Mobiliar in unser Wohnzimmer einziehen wird.
   

Was zieh ich bloß an?


Das größte Problem an der „Übergangszeit“ ist ja die Kleidung. Alle halbe Jahre wieder sind wir entweder zu warm angezogen, wenn es schon zu heiß ist, oder zu dünn angezogen, wenn es schon zu kalt ist. Aber wir schieben die Schuld nicht auf uns, sondern aufs Wetter. Dabei freue ich mich schon auf den Herbst. Das Wetter ist meinem Kleiderschrank gerade einfach nur um ein paar Wochen voraus. Aufgrund akuten Platzmangels sind meine Wintersachen zurzeit ganz oben und unerreichbar im Kleiderschrank verstaut. Und die Umsortierung ist aktuell noch nicht geplant. Bisher genügte es schon, einige sommerliche Gewohnheiten abzulegen und eine Neujustierung an die aktuellen Temperaturen vorzunehmen. Meine FlipFlop-Hausschuhe hatten das wohl im Gefühl. Gerade als es mir langsam zu frisch um die Füßen wurde, lösten sie sich suizidal in ihre Einzelteile auf und gaben den Staffelstab an die Hausschuh-Stiefel ab. 

Vorgestern habe ich das erste Mal seit Monaten wieder Socken getragen. Ich wusste auch gar nicht mehr, wie sich behoste Beine anfühlen. Die Zeiten, in denen frau sich schnell ein Kleid überzieht und fertig angezogen ist, sind vorerst leider wieder vorbei. Ab jetzt trägt man wieder den Lagen-Look. Und mit jeder Lage, verlängert sich die Zeit, die man vor dem Kleiderschrank steht.

Wir können uns einfach noch nicht ganz vom Sommer verabschieden. Zu schön war die Zeit. Obwohl ich mich an viele ächzende Stimmen erinnere, die die Hitze nicht mehr aushielten und sich kaum zu bewegen wagten oder konnten, weil sie an Stühlen und Tischen festklebten. 

Scheinbar kann man es uns einfach nicht recht machen. Die äußeren Umstände lassen sich nicht ändern, so sehr wir uns auch darüber ärgern mögen. Wir können grummeln oder sie annehmen. Wir können abwarten oder uns anpassen. Perfekt wird es nie sein. Moment, wir reden schon noch übers Wetter, oder?


There's No Business Like Own Business - Die 10 Stufen zum Businessplan



Für die Selbstständigkeit braucht es einen Businessplan. Zumindest, wenn man es richtig angehen will. Man beschreibt darin seine Vision, einen genauen Plan mit festen Zielen. Man analysiert sein neues Arbeitsfeld, erforscht die Zielgruppe, erkennt die Konkurrenz, versteht den Markt. Man schreibt den Businessplan für sich und seine Zukunft….Oder für die Banken, Ämter und andere Investoren, die eventuell bereit wären, finanzielle Unterstützung zu leisten. Ja, meistens ist es dann doch eher Letzteres. So fühlt es sich anfangs zumindest an. 
Vor circa zwei Monaten stand ich vor der Frage, ob ich mich selbstständig machen will. Um die Antwort auf diese Frage zu finden, wurde mir von der Agentur für Arbeit ein Job Coaching ans Herz gelegt. Dort bekam ich die Antwort: "Klar, warum nicht?" Okay, also warum nicht. Das Arbeitsamt stockt in diesem Falle das ALG 1 mit einem Gründungszuschuss auf, welcher mir im Zuge dessen ebenso angeboten wurde. Der Haken an der Sache war, dass der Antrag auf den Gründungszuschuss einen Businessplan enthalten muss und die Deadline des Antrages zeitlich nur noch drei Wochen entfernt war. Drei Wochen hören sich lang an, sie sind es aber nicht. Das merkt man besonders in den Momenten, in denen man zu spät schlafender Stunde einen blinkenden Cursor anstarrt, die Finger aber leider schon restlos leer gezutscht sind und die Ärmel auch nichts mehr her geben.  

Zum Glück gibt es Businessplan-Vorlagen im Internet und in meinem Falle sogar einen Coach, der eine Vorlage mitbringt und erklärt. Alle Unterpunkte sind mit Fragen gespickt, wenn ich die beantworte, bin ich eigentlich schon fertig. Auf den ersten Blick sieht das alles machbar aus. Wir sprechen gemeinsam alle Punkte durch. 

Meine Geschäftsidee, mich selbst und meinen Werdegang beschreiben - das krieg ich hin. Über die Zielgruppe kann ich mir Gedanken machen, Konkurrenz finde ich im Internet und auf die Ausarbeitung eines Marketingkonzeptes freu ich mich jetzt schon. Es kann also losgehen. Zu Hause öffne ich das Dokument…

Die 10 Stufen zum Businessplan


Stufe 1: Absolute Überforderung

So ganz alleine fühle ich mich beim Anblick der vielen Fragen erschlagen. Ich gehe meine Notizen durch, die gemeinsam mit meinem Coach noch so viel Sinn ergeben haben. Jetzt weiß ich gar nicht mehr, wo ich anfangen soll. Ich beginne willkürlich irgendwas zu googlen. 

Stufe 2: Der Motivationsschub

Ich schaffe das, schließlich weiß ich doch, was ich will. Es wird doch wohl nicht so schwer sein, ein paar Fragen zu beantworten und damit 15 Seiten voll zu schreiben. ZU SCHREIBEN. Hallo? Ich will Autorin sein. Ich beginne also mit dem einfachsten – dem Abschnitt über die Gründerperson, also mir. So hintereinander aufgeschrieben macht mein gesamter beruflicher Werdegang hinsichtlich meines Vorhabens plötzlich großen Sinn. Ein guter Anfang.  


Stufe 3: Was koste ich?

Weiter geht’s mit meiner Geschäftsidee, meinem Produkt, meiner Dienstleistung. Ich will schreiben, konzipieren, kreieren. Nur leider ist es gar nicht so einfach das in Worte - und noch schwieriger - in Zahlen zu fassen. Im Businessplan einen Preis für seine Arbeit festzulegen ist das Eine, später voll hinter seinem Preis zu stehen das Andere. Langsam wird mir klar, dass aus mir eine Unternehmerpersönlichkeit werden muss, deren Arbeitsplatz sich im heimischen Wohnzimmer befindet. Ob mein Standort, den ich zu einem späteren Zeitpunkt auch noch genauer beschreiben muss, Segen oder Fluch ist, wird sich noch zeigen. 

Stufe 4: Schlaflose Nächte

Während ich eigentlich schlafen und mein Hirn sich regenerieren sollte, wird mir plötzlich ein gewaltiger Fehler in meinem Geschäftskonzept bewusst. Ich kann mich nur schwer davon abhalten, diese Woge sofort aus dem bisherigen Businessplan zu glätten. Gut schlafen kann man mit so einem hartnäckigen Gedanken im Kopf aber auch nicht.

Stufe 5: Googlen, googlen, googlen

Wer ist meine Konkurrenz? Wie sieht der Markt der freien Autoren aus? Wer genau ist meine Zielgruppe? Und warum finde ich darüber nichts im Internet? Dass ich im Abschnitt „Konkurrenz“ gerade zum dritten Mal mein Alleinstellungsmerkmal beschreibe, stört mich mittlerweile nicht mehr. Langsam habe ich den Dreh raus, einen einfachen Satz, so weit zu verschachteln, dass er mindestens drei Zeilen einnimmt und seine innere Kernaussage um einiges anspruchsvoller klingt, als sie tatsächlich ist. Auf diese Weise fallen auch meine Wiederholungen nicht so sehr auf, denn durch die Nutzung verschiedenartigster Begriffe für denselben Inhalt, erreiche ich, dass die Seiten sich langsam aber sicher füllen.

Stufe 6: Pause

Es ist Sommer und so schönes Wetter. Und außerdem hab ich keine Lust mehr auf den Businessplan. Für das gute Gewissen höre ich beim Sonnenbad auf den Balkon zumindest einen Podcast zum Thema: „Selbstständig machen“. 1:0 für das Arbeiten zu Hause. 

Stufe 7: Der Zahlenteil

Endlich wieder ein Treffen mit dem Coach. Es wird auch Zeit, denn so langsam sind die 15 Seiten schriftlich befüllt und das Einzige was noch fehlt, ist der Zahlenteil. Während wir gemeinsam die Tabellen meiner Umsatz- und Liquiditätsplanung der nächsten 4 Jahre ausfüllen, fühle ich mich in den Mathematikunterricht zurückversetzt und hoffe, dass das nicht in der Prüfung dran kommt. Als ich zu Hause den Zahlenteil noch einmal schriftlich beschreibe und daraus Seite 16 und 17 entstehen, beginne ich langsam die Logik hinter dem Tabellen-Wirrwarr zu verstehen. Das ist mir damals in Mathe nicht geglückt. 

Stufe 8: Letzte Handgriffe

Während sich die Lücken des Businessplans füllen und aus den vielen Fragen vom Anfang endlich Antworten geworden sind, die mir nun ordentlich formatiert und in gleichmäßiger Schriftart- und größe vom Bildschirm entgegen scheinen, bin ich frohen Mutes über mein Vorhaben. 

Stufe 9: Panik

Fast fertig! Ich lese nochmal alles durch und stelle plötzlich meine gesamte Existenz in Frage. „Werde ich tatsächlich davon leben können? Kann ich das, was ich anbiete überhaupt? Ist meine Umsatzplanung realistisch? Wird mich irgendjemand für meine Arbeit bezahlen wollen?“, denke ich und reiche den ausgedruckten Businessplan zum Binden über die Theke des Copyshops.

Stufe 10: Geschafft!

Der Antrag ist abgegeben. Rien na va plus. Und auch wenn er abgelehnt wird, weiß ich, dank der umfassenden Auseinandersetzung mit meinem Business dennoch, wo meine Reise hingehen soll. Ich bin trotzdem erleichtert, als ich erfahre, dass der Antrag angenommen wurde. 


Getting Shit Done – oder: Wie man sein eigener Chef ist




Brot und Salz? Ach danke, das wäre doch nicht nötig gewesen. Dabei bin ich gar nicht umgezogen. Ich habe hier auf dem Blog einfach nur ein bisschen umdekodiert, hab die Schaltflächen gewischt, frische Banner hingestellt und schon sieht alles aus wie neu. Und das hat auch seinen Grund. In den letzten Monaten ist viel passiert. Ich habe meine Weiterbildung abgeschlossen, mich als freie Autorin selbstständig gemacht, habe geheiratet, bin durch Kalifornien geflittert und bin 30 geworden. Anders gesagt: Ich habe ein Potpourri an Themen angesammelt, die es schriftlich aufzubereiten gilt. Regelmäßig. Ab jetzt. 

Endlich Selbstständig


Ich bin jetzt also tatsächlich selbstständig. So ganz habe ich das noch nicht realisiert. Ich habe keinen Chef mehr, der mir auf die Finger schaut. Ich kann machen, was ich will. Das ist gut, oder? Andererseits habe ich jetzt keinen Chef mehr, der mir auf die Finger schaut. Und ich kann machen, was ich will. Wenn man am Ende des Tages irgendwas geschafft haben möchte, sollte man das „was ich will“ ein wenig genauer definieren. Ich will meine eigene Chefin sein. Neben all dem Spaß, den wir zusammen haben, muss sie aber auch kritisieren, harte Deadlines setzen und auch die doofen Aufgaben verteilen.  
Nachdem ich schon einige Monate mehr oder weniger auf mich selbst gestellt bin, was die Arbeit angeht, hier und da eine Weiterbildung und ein Coaching absolviert habe, aber den Rest der Zeit frei einteilen konnte, habe ich gemerkt, dass ich nicht ganz so gut darin bin, mich selbst zu organisieren. Nein, das stimmt eigentlich nicht. Das kann ich eigentlich schon ganz gut, ich dürste sogar sehr nach Ordnung und einem Plan, aber ich habe Schwierigkeiten mich daran zu halten.  In meinem Kopf ist ein Knäuel von Dingen, die ich machen will. Verschiedenste Dinge. Blog-Posts schreiben, Konzepte entwickeln, meine Homepage einrichten, eine neue Brille bestellen, das Hochzeits-Fotobuch gestalten, ein Buch lesen, Rechnungen schreiben, Serien verfolgen, meinen Arbeitsplatz neu organisieren etc. 

So viele Dinge wollen erledigt werden und am liebsten alle gleichzeitig. Das führt dazu, dass ich alles ein bisschen anfange und es dann, nach der erstbesten Ablenkung, liegen bleibt. Ich habe zwar das Gefühl, ich hätte schon was gemacht, aber kann noch nicht den berühmten und so befriedigenden Haken dahinter machen. Das soll jetzt anders werden. Ich plane jetzt alles. Und ich meine wirklich alles. Ich denke sogar schon darüber nach, mir das Lackieren meiner Fingernägel in den Kalender einzutragen, denn beim Anblick des abgeblätterten Nagellackes drängt sich die Tatsache auf, dass ich das ansonsten nicht gebacken kriege.  

Immer wieder sonntags


Gestern Abend habe ich mich hingesetzt und mir überlegt, was ich in der kommenden Woche alles schaffen möchte. Für jeden Lebensbereich, für jedes Projekt, an dem ich arbeite, auch für die Freizeit, habe ich ein Ziel aufgestellt und anschließend überlegt, welche Schritte und wie viel Zeitaufwand nötig sind, es zu erreichen. Jeden Sonntag werde ich meine Woche auf diese Weise voraus planen, in der Hoffnung, dass ich die Termine mit mir selbst einhalten werde.
Für heute habe ich mir das Schreiben dieses Posts vorgenommen, für den ich zu diesem Zeitpunkt noch minus 80 Minuten Zeit habe. Neben dem Blog stehen noch zwei weitere Punkte auf dem Plan. Das sieht stark nach Überstunden aus. Selbst Schuld. Aber habe ja schließlich gerade erst angefangen bei mir zu arbeiten. Ich übe noch.

Möglicherweise muss ich, besonders für den Anfang, größere Zeitfenster einplanen oder mich einfach beim nächsten Mal nicht durch YouTube-Videos und Wäsche aufhängen ablenken lassen. Oder ich führe das Planen ad absurdum und takte auch dafür genaue Zeitfenster ein. 10 Minuten Wäsche aufhängen, anschließend 1 Stunde konzentriert Schreiben, dann ist Zeit für ein YouTube Video mit parallelem Nägel lackieren. Wenn ich so darüber nachdenke, ist das eventuell tatsächlich einen Testlauf wert. 

Diese Zeitbegrenzungen sind, wie ich jetzt bereits merke, essentiell. Wenn ich mich erstmal eingearbeitet habe und das Ganze plötzlich großen Spaß macht, könnte ich stundenlang weiter frickeln, neue Formulierungen finden, hier und da was verbessen und nochmal und nochmal und nochmal Korrektur lesen. Mit der zeitlichen Beschränkung, die man Sonntagabend festlegt, kreiert man Tage zuvor die Chefin, die leicht angenervt auf die Uhr schielt und dir ein „Jetzt musst du aber langsam mal fertig werden“ ins Ohr raunt. 

Meine Chefin hat gesagt…


Zumindest habe ich hiermit mein längerfristiges Vorhaben gestartet, jeden Montag einen neuen Post zu veröffentlichen. Schon beim Schreiben dieser letzten Zeile bin ich mir nicht mehr sicher, ob es so klug war, dieses Vorhaben öffentlich kundzutun. Weil meine Chefin das aber so will, lass ich es mal so stehen – sie sagt, so sei der Druck größer wirklich regelmäßig was zu schreiben. Mal sehen, ob sie damit Recht behält.  





Bum Bum Pow - oder: Der Tag, an dem zu 80% die Sonner verschwand



Nichts mehr im Kühlschrank. Quasi nur noch Licht und Dinge, die zu keinem befriedigenden Mahl zubereitet werden können. Der Pfandflaschenberg in der Ecke sagt Ähnliches. Jaja, ich habe schon verstanden: Ich muss einkaufen. Wenn es so weit gekommen ist, dass ich mich selbst zum Einkauf überredet habe, stellt sich kurz darauf die große Frage des wohin?
In unmittelbarer, fußläufiger Nähe befinden sich 4 Möglichkeiten. Die erstbeste und nächste ist der kleine Laden an der Ecke. Ich habe aber gerade Lust auf Hüttenkäse-Papaya-Salat und sowas führen die da eher nicht so. Ich bin auch nicht sicher, ob LIDL Hüttenkäse im Sortiment hat, deswegen schließe ich ihn ebenfalls aus. Außerdem muss ich für LIDL eine 6-spurige Straße ohne Ampel überqueren. Da steh ich manchmal so lange, dass ich es, zeitlich, auch schon zu real hätte schaffen können, was eine U-Bahn-Station entfernt liegt. Aber real ist so unfassbar groß. Und in einem Laden, wo alles drin ist, nur nach Hüttenkäse und Papaya zu suchen, liegt mir fern. Mal außer Acht gelassen, dass man meistens ja doch mehr kauft, als man eigentlich wollte. Schließlich steht das Wochenende vor der Tür und Waschmittel ist auch alle. 

Die drei Läden ausgeschlossen, bin ich jetzt also, nach rudimentärem Make-up-Auftrag und einem missglückten Versuch Kontaktlinsen reinzumachen, auf dem Weg zu REWE. Mit Brille und meinen zwei großen Tüten voller Pfandflaschen gehe ich durch ein Wohngebiet und merke, dass es mit Schal und Winterjacke doch schon zu warm ist. In diesen Tagen sowieso ein leidiges Thema, aber vorgestern war die dünne Lederjacke noch zu kalt. Ich dachte, ich hätte mal aus einem Fehler gelernt. Die Sonne hat nach ihrer 80% Abstinenz vorhin scheinbar wieder ihre volle Kraft erreicht. Dieses Naturspektakel Sonnerfinsternis hab ich über N24 verfolgt und ab und zu auch mal selbst die Nase aus dem Fenster gehalten, um zu gucken, obs schon dunkel ist. Ich hatte leider keine Spezial-Brille, sodass ich die ganze Zeit scheinbar desinteressiert an der Sonne vorbeigegucken musste, bis sich langsam das Gefühl einschlich, das man hat, wenn man auf einer Party eine bestimmte Person, in diesem Fall Sofi, absichtlich ignoriert (sei sie die Ex deines Neuen oder die Neue deines Ex), aber eigentlich würde man schon gern genau hingucken, wie sie aussieht.  


Mit einem leichten Schweißfilm auf der Stirn erreiche ich endlich REWE. Mist, jetzt hab ich keinen Euro für den Einkaufswagen. Und der Chip lässt sich irgendwie auch nicht aus seiner Einkerbung holen. Also nehm ich wohl einen Korb. Vielleicht aber auch gar keine so schlechte Idee, ich muss schließlich den Überblick über meinen Einkauf behalten beziehungsweise über dessen Gewicht. Und wie behält man dieses besser im Blick, als es auch schon während des ganzen Einkaufes zu schleppen? Erstmal aber zum Pfandautomaten. Ich liebe ja Pfandautomaten. Es ist so schön zu sehen, wie nach und nach aus leeren Flaschen Geld wird. Nachdem ich die vollen Tüten in 5,48 EURO eingetauscht habe, gehe ich in die Obstabteilung: Papaya - Check! Außerdem Feldsalat und Erdbeeren. Dazu noch Mozzarella und ein bisschen Balsamico und fertig ist der nächste Sommersalat. 

Freitagvormittags scheinen viele Rentner einkaufen zu gehen. Fällt mir grad nur zufällig auf, während ich hinter einer grauhaarigen Frau stehe, die nicht zu wissen scheint, was sie als nächstes kaufen will und deswegen einfach mal stehen bleibt. Ich tue so, als hätte ich sowieso nach links abbiegen wollen und stehe jetzt bei den Getränken. Gefährliches Gut. Ohne an meine später schmerzenden Finger/Schultern zu denken, hau ich meinen Korb voll und mache mich langsam auf den Weg zur Kasse. Dort quengele ich so lange, bis ich mir ein BumBum kaufe und lege meine kleinen, schweren Einkäufe aufs Band. Leider waren wirklich Waschmittel und Geschirrspül-Tabs alle, die meinen Einkauf noch ein bisschen gewichtiger machen. Auf dem Heimweg heißt es Zähne zusammen beißen und mit jedem Schritt den Moment ersehnen, in dem ich die vollen Tüten abstellen kann und die roten Finger sich langsam wieder strecken lassen.


Jetzt sitze ich an meinem Schreibtisch, der Hüttenkäse-Papaya-Salat, in den ich auch noch eine Erdbeere geschnibbelt hab, ist aufgegessen und vom BumBum nur noch der Kaugummi-Stiel übrig. Mal sehen, wie lange es diesmal dauert, bis ich den Geschmack darin weggekaut habe.

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