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Dinner for Two - oder: not the same procedure as every year





Dieses Jahr wird alles anders. Dieses Jahr feiern will Silvester allein. Ohne Party. Ohne Reisen. Ohne Stress. Nur mit uns. Mein Mann und ich. Ich und mein Mann, den ich ab jetzt, Achtung Vorsatz, der Einfachheit halber „Mo“ nennen werde, da ich mich so furchtbar alt und erwachsen fühle, wenn ich „Mann“ sage und mir nach „Gatte“ und „bessere Hälfte“ auch langsam die Synonyme ausgehen. 

Silvester allein also. Das vermied, nach den vollgepackten Weihnachtstagen, tatsächlich sehr viel Stress und sparte Zeit. Keine Überlegungen über mein Silvester-Outfit, keine Reiseplanungen, keine horrenden Ausgaben für ein großes Essen, Eintrittskarten oder Feuerwerksgedöns. 

Mein Silvester-Outfit, welches ich sonst bereits Wochen zuvor in meinem Kopf hin und her stylte, bestand aus einer Leggins und einem langen Wollpullover. Nicht einmal geschminkt habe ich mich. Wir verbrachten den letzten Tag des Jahres 2015 größtenteils im Bett und netflixten vor uns hin. Endlich mal „The Breakfast Club“ nachgeholt, nur irgendwie gar nicht so cool gefunden, wie immer gedacht. 

Um 19:00 schaltete ich wild durch alle Sender, um den Anfang von "Dinner for One" nicht zu verpassen. Als ich mich endlich mit der Fernbedienung in den hohen, zweistelligen Bereich des Fernsehprogrammes geklickt hatte, stolperte James bereits zum zweiten Mal über den Kopf des Tigerfells. Aber der Silvester-Abend wäre nicht der Silvester-Abend wenn der 90. Geburtstag nicht auch um 19:10 Uhr auf einem anderen dritten Programm gefeiert würde.  

Zum wohl dreißigsten Mal in meinem Leben schaute ich "Dinner for One" und es war das erste Mal, dass ich den vom Videotext angebotenen Untertitel dazu schaltete. Tatsächlich hatte ich über die Jahre nie komplett verstanden, was anfangs gesagt und später nur noch gelallt wurde. Um anschließend das neuerworbene Wissen zu komplettieren, informierte ich mich in Freddy Frintons Wikipedia-Eintrag über die Hintergründe dieses bekannten Sketches. Ich fand unter Anderem heraus, dass es auch eine Schweizer Version gibt. Eine kürzere. Aus einer anderen Perspektive. Sehr seltsam und einfach nicht dasselbe, wie ich einige Tage später auf You Tube feststellten konnte. 

Nach „Dinner for One“ wollten auch wir dinieren und so machte ich mich langsam ans Schmelzen des Käses für das Fondue. Die Betonung liegt hierbei auf langsam. Das gebratene Fleisch war mittlerweile schon wieder kalt, als der Inhalt des Fondue-Topfes endlich die gewünschte Käsigkeit erreicht hatte. Zum Fondue wurde der Film "Happy New Year" gereicht, der zeitgleich im Fernsehen lief und uns visuell schon ein wenig auf den Jahreswechsel einstimmte. Akustisch wurden wir schon seit dem Vormittag ins neue Jahr geschickt. Scheinbar wurden allerseits die teuer gekauften Knaller, Heuler und Böller ausprobiert. Vorsichtshalber. Damit man noch was nachkaufen kann, falls es nicht laut genug knallt. Feuerprobe - haha - bestanden, sag ich mal. Es war laut genug.

Gegen 23 Uhr war es Zeit einen Mantel übers Joggingoutfit zu werfen und mit einer Flasche Sekt im Bottlebag in Mo’s Büro zu fahren. Der siebte Stock des Bürogebäudes bot eine ganz passable Draufsicht auf all das, was sich bald abspielen würde. Beziehungsweise bereits abspielte, denn schon eine Stunde vor Mitternacht kam der Himmel keine Sekunde ohne einen Feuerwerkskörper aus. 

Ich habe wohl zu viele Horrorfilme gesehen oder Videospiele gespielt, die in verlassenen Häusern spielen. Als Mo kurz und ohne mir Bescheid zu geben auf dem Klo verschwand, überkam mich so ganz alleine eine bizarre Angst, ein bewaffneter Fremder würde sich leise hinter mir anschleichen und mich kaltblütig und feige erschießen oder gegebenenfalls meinem zum Rausgucken weit aus dem Fenster gelehnten Körper einen kleinen Schupps geben. Auch als Mo wieder da war, schaute ich mich immer mal wieder um und inspizierte die Ecken des großen Büroraumes. War aber nie jemand da. 

Auf dem Bildschirm feierten Caught in the Act ihr Comeback am Brandenburger Tor. Sogar Rednex war da und sang sehr wahrscheinlich in völliger Neubesetzung den „Cotton Eye Joe“. Dennoch klang es verdächtig genauso, wie auf meiner alten Bravo Hits Best of `94 Kassette. Wir füllten ein Schlückchen Sekt in die mitgebrachten Gläser und fragten uns, ob sich das Feuerwerk da draußen tatsächlich noch steigern konnte. Eine durchschnittliche Countdown-Länge später, sahen wir die Antwort. Das Feuerwerk verdreifachte sich vor unseren Augen und Kameralinsen. „Caught in the Act“ sang uns erneut mit einem Medley aus den 90ern ins Jahr 2016. 

Nach wenigen Minuten war von der schönen Aussicht nicht mehr viel übrig. Qualm und Nebel lag über der Stadt. Wir wollten jetzt auch wie der Nebel sein. Wir wollten auch liegen. Langsam waberten wir an knallenden Knallern und heulenden Heulern vorbei, immer in der Hoffnung, dass die Knallwütigen noch bei Sinnen waren und fahrende Autos nicht attackierten. Szenen, die ich sicherlich aus bösen Filmen und Videospielen, kannte.

Mit dem restlichen Sekt und Weintrauben kuschelten wir uns zurück ins Bett und lauschten den Knallern, Böllern und Heulern und Heulern und Böllern und Knallern... Wenn das ganze Knallen tatsächlich in irgendeiner Weise etwas damit zu tun hat, dass böse Geister vertrieben werden, dann kann 2016 ja nur ein glorreiches Jahr werden.




There's No Business Like Own Business - Die 10 Stufen zum Businessplan



Für die Selbstständigkeit braucht es einen Businessplan. Zumindest, wenn man es richtig angehen will. Man beschreibt darin seine Vision, einen genauen Plan mit festen Zielen. Man analysiert sein neues Arbeitsfeld, erforscht die Zielgruppe, erkennt die Konkurrenz, versteht den Markt. Man schreibt den Businessplan für sich und seine Zukunft….Oder für die Banken, Ämter und andere Investoren, die eventuell bereit wären, finanzielle Unterstützung zu leisten. Ja, meistens ist es dann doch eher Letzteres. So fühlt es sich anfangs zumindest an. 
Vor circa zwei Monaten stand ich vor der Frage, ob ich mich selbstständig machen will. Um die Antwort auf diese Frage zu finden, wurde mir von der Agentur für Arbeit ein Job Coaching ans Herz gelegt. Dort bekam ich die Antwort: "Klar, warum nicht?" Okay, also warum nicht. Das Arbeitsamt stockt in diesem Falle das ALG 1 mit einem Gründungszuschuss auf, welcher mir im Zuge dessen ebenso angeboten wurde. Der Haken an der Sache war, dass der Antrag auf den Gründungszuschuss einen Businessplan enthalten muss und die Deadline des Antrages zeitlich nur noch drei Wochen entfernt war. Drei Wochen hören sich lang an, sie sind es aber nicht. Das merkt man besonders in den Momenten, in denen man zu spät schlafender Stunde einen blinkenden Cursor anstarrt, die Finger aber leider schon restlos leer gezutscht sind und die Ärmel auch nichts mehr her geben.  

Zum Glück gibt es Businessplan-Vorlagen im Internet und in meinem Falle sogar einen Coach, der eine Vorlage mitbringt und erklärt. Alle Unterpunkte sind mit Fragen gespickt, wenn ich die beantworte, bin ich eigentlich schon fertig. Auf den ersten Blick sieht das alles machbar aus. Wir sprechen gemeinsam alle Punkte durch. 

Meine Geschäftsidee, mich selbst und meinen Werdegang beschreiben - das krieg ich hin. Über die Zielgruppe kann ich mir Gedanken machen, Konkurrenz finde ich im Internet und auf die Ausarbeitung eines Marketingkonzeptes freu ich mich jetzt schon. Es kann also losgehen. Zu Hause öffne ich das Dokument…

Die 10 Stufen zum Businessplan


Stufe 1: Absolute Überforderung

So ganz alleine fühle ich mich beim Anblick der vielen Fragen erschlagen. Ich gehe meine Notizen durch, die gemeinsam mit meinem Coach noch so viel Sinn ergeben haben. Jetzt weiß ich gar nicht mehr, wo ich anfangen soll. Ich beginne willkürlich irgendwas zu googlen. 

Stufe 2: Der Motivationsschub

Ich schaffe das, schließlich weiß ich doch, was ich will. Es wird doch wohl nicht so schwer sein, ein paar Fragen zu beantworten und damit 15 Seiten voll zu schreiben. ZU SCHREIBEN. Hallo? Ich will Autorin sein. Ich beginne also mit dem einfachsten – dem Abschnitt über die Gründerperson, also mir. So hintereinander aufgeschrieben macht mein gesamter beruflicher Werdegang hinsichtlich meines Vorhabens plötzlich großen Sinn. Ein guter Anfang.  


Stufe 3: Was koste ich?

Weiter geht’s mit meiner Geschäftsidee, meinem Produkt, meiner Dienstleistung. Ich will schreiben, konzipieren, kreieren. Nur leider ist es gar nicht so einfach das in Worte - und noch schwieriger - in Zahlen zu fassen. Im Businessplan einen Preis für seine Arbeit festzulegen ist das Eine, später voll hinter seinem Preis zu stehen das Andere. Langsam wird mir klar, dass aus mir eine Unternehmerpersönlichkeit werden muss, deren Arbeitsplatz sich im heimischen Wohnzimmer befindet. Ob mein Standort, den ich zu einem späteren Zeitpunkt auch noch genauer beschreiben muss, Segen oder Fluch ist, wird sich noch zeigen. 

Stufe 4: Schlaflose Nächte

Während ich eigentlich schlafen und mein Hirn sich regenerieren sollte, wird mir plötzlich ein gewaltiger Fehler in meinem Geschäftskonzept bewusst. Ich kann mich nur schwer davon abhalten, diese Woge sofort aus dem bisherigen Businessplan zu glätten. Gut schlafen kann man mit so einem hartnäckigen Gedanken im Kopf aber auch nicht.

Stufe 5: Googlen, googlen, googlen

Wer ist meine Konkurrenz? Wie sieht der Markt der freien Autoren aus? Wer genau ist meine Zielgruppe? Und warum finde ich darüber nichts im Internet? Dass ich im Abschnitt „Konkurrenz“ gerade zum dritten Mal mein Alleinstellungsmerkmal beschreibe, stört mich mittlerweile nicht mehr. Langsam habe ich den Dreh raus, einen einfachen Satz, so weit zu verschachteln, dass er mindestens drei Zeilen einnimmt und seine innere Kernaussage um einiges anspruchsvoller klingt, als sie tatsächlich ist. Auf diese Weise fallen auch meine Wiederholungen nicht so sehr auf, denn durch die Nutzung verschiedenartigster Begriffe für denselben Inhalt, erreiche ich, dass die Seiten sich langsam aber sicher füllen.

Stufe 6: Pause

Es ist Sommer und so schönes Wetter. Und außerdem hab ich keine Lust mehr auf den Businessplan. Für das gute Gewissen höre ich beim Sonnenbad auf den Balkon zumindest einen Podcast zum Thema: „Selbstständig machen“. 1:0 für das Arbeiten zu Hause. 

Stufe 7: Der Zahlenteil

Endlich wieder ein Treffen mit dem Coach. Es wird auch Zeit, denn so langsam sind die 15 Seiten schriftlich befüllt und das Einzige was noch fehlt, ist der Zahlenteil. Während wir gemeinsam die Tabellen meiner Umsatz- und Liquiditätsplanung der nächsten 4 Jahre ausfüllen, fühle ich mich in den Mathematikunterricht zurückversetzt und hoffe, dass das nicht in der Prüfung dran kommt. Als ich zu Hause den Zahlenteil noch einmal schriftlich beschreibe und daraus Seite 16 und 17 entstehen, beginne ich langsam die Logik hinter dem Tabellen-Wirrwarr zu verstehen. Das ist mir damals in Mathe nicht geglückt. 

Stufe 8: Letzte Handgriffe

Während sich die Lücken des Businessplans füllen und aus den vielen Fragen vom Anfang endlich Antworten geworden sind, die mir nun ordentlich formatiert und in gleichmäßiger Schriftart- und größe vom Bildschirm entgegen scheinen, bin ich frohen Mutes über mein Vorhaben. 

Stufe 9: Panik

Fast fertig! Ich lese nochmal alles durch und stelle plötzlich meine gesamte Existenz in Frage. „Werde ich tatsächlich davon leben können? Kann ich das, was ich anbiete überhaupt? Ist meine Umsatzplanung realistisch? Wird mich irgendjemand für meine Arbeit bezahlen wollen?“, denke ich und reiche den ausgedruckten Businessplan zum Binden über die Theke des Copyshops.

Stufe 10: Geschafft!

Der Antrag ist abgegeben. Rien na va plus. Und auch wenn er abgelehnt wird, weiß ich, dank der umfassenden Auseinandersetzung mit meinem Business dennoch, wo meine Reise hingehen soll. Ich bin trotzdem erleichtert, als ich erfahre, dass der Antrag angenommen wurde. 


Getting Shit Done – oder: Wie man sein eigener Chef ist




Brot und Salz? Ach danke, das wäre doch nicht nötig gewesen. Dabei bin ich gar nicht umgezogen. Ich habe hier auf dem Blog einfach nur ein bisschen umdekodiert, hab die Schaltflächen gewischt, frische Banner hingestellt und schon sieht alles aus wie neu. Und das hat auch seinen Grund. In den letzten Monaten ist viel passiert. Ich habe meine Weiterbildung abgeschlossen, mich als freie Autorin selbstständig gemacht, habe geheiratet, bin durch Kalifornien geflittert und bin 30 geworden. Anders gesagt: Ich habe ein Potpourri an Themen angesammelt, die es schriftlich aufzubereiten gilt. Regelmäßig. Ab jetzt. 

Endlich Selbstständig


Ich bin jetzt also tatsächlich selbstständig. So ganz habe ich das noch nicht realisiert. Ich habe keinen Chef mehr, der mir auf die Finger schaut. Ich kann machen, was ich will. Das ist gut, oder? Andererseits habe ich jetzt keinen Chef mehr, der mir auf die Finger schaut. Und ich kann machen, was ich will. Wenn man am Ende des Tages irgendwas geschafft haben möchte, sollte man das „was ich will“ ein wenig genauer definieren. Ich will meine eigene Chefin sein. Neben all dem Spaß, den wir zusammen haben, muss sie aber auch kritisieren, harte Deadlines setzen und auch die doofen Aufgaben verteilen.  
Nachdem ich schon einige Monate mehr oder weniger auf mich selbst gestellt bin, was die Arbeit angeht, hier und da eine Weiterbildung und ein Coaching absolviert habe, aber den Rest der Zeit frei einteilen konnte, habe ich gemerkt, dass ich nicht ganz so gut darin bin, mich selbst zu organisieren. Nein, das stimmt eigentlich nicht. Das kann ich eigentlich schon ganz gut, ich dürste sogar sehr nach Ordnung und einem Plan, aber ich habe Schwierigkeiten mich daran zu halten.  In meinem Kopf ist ein Knäuel von Dingen, die ich machen will. Verschiedenste Dinge. Blog-Posts schreiben, Konzepte entwickeln, meine Homepage einrichten, eine neue Brille bestellen, das Hochzeits-Fotobuch gestalten, ein Buch lesen, Rechnungen schreiben, Serien verfolgen, meinen Arbeitsplatz neu organisieren etc. 

So viele Dinge wollen erledigt werden und am liebsten alle gleichzeitig. Das führt dazu, dass ich alles ein bisschen anfange und es dann, nach der erstbesten Ablenkung, liegen bleibt. Ich habe zwar das Gefühl, ich hätte schon was gemacht, aber kann noch nicht den berühmten und so befriedigenden Haken dahinter machen. Das soll jetzt anders werden. Ich plane jetzt alles. Und ich meine wirklich alles. Ich denke sogar schon darüber nach, mir das Lackieren meiner Fingernägel in den Kalender einzutragen, denn beim Anblick des abgeblätterten Nagellackes drängt sich die Tatsache auf, dass ich das ansonsten nicht gebacken kriege.  

Immer wieder sonntags


Gestern Abend habe ich mich hingesetzt und mir überlegt, was ich in der kommenden Woche alles schaffen möchte. Für jeden Lebensbereich, für jedes Projekt, an dem ich arbeite, auch für die Freizeit, habe ich ein Ziel aufgestellt und anschließend überlegt, welche Schritte und wie viel Zeitaufwand nötig sind, es zu erreichen. Jeden Sonntag werde ich meine Woche auf diese Weise voraus planen, in der Hoffnung, dass ich die Termine mit mir selbst einhalten werde.
Für heute habe ich mir das Schreiben dieses Posts vorgenommen, für den ich zu diesem Zeitpunkt noch minus 80 Minuten Zeit habe. Neben dem Blog stehen noch zwei weitere Punkte auf dem Plan. Das sieht stark nach Überstunden aus. Selbst Schuld. Aber habe ja schließlich gerade erst angefangen bei mir zu arbeiten. Ich übe noch.

Möglicherweise muss ich, besonders für den Anfang, größere Zeitfenster einplanen oder mich einfach beim nächsten Mal nicht durch YouTube-Videos und Wäsche aufhängen ablenken lassen. Oder ich führe das Planen ad absurdum und takte auch dafür genaue Zeitfenster ein. 10 Minuten Wäsche aufhängen, anschließend 1 Stunde konzentriert Schreiben, dann ist Zeit für ein YouTube Video mit parallelem Nägel lackieren. Wenn ich so darüber nachdenke, ist das eventuell tatsächlich einen Testlauf wert. 

Diese Zeitbegrenzungen sind, wie ich jetzt bereits merke, essentiell. Wenn ich mich erstmal eingearbeitet habe und das Ganze plötzlich großen Spaß macht, könnte ich stundenlang weiter frickeln, neue Formulierungen finden, hier und da was verbessen und nochmal und nochmal und nochmal Korrektur lesen. Mit der zeitlichen Beschränkung, die man Sonntagabend festlegt, kreiert man Tage zuvor die Chefin, die leicht angenervt auf die Uhr schielt und dir ein „Jetzt musst du aber langsam mal fertig werden“ ins Ohr raunt. 

Meine Chefin hat gesagt…


Zumindest habe ich hiermit mein längerfristiges Vorhaben gestartet, jeden Montag einen neuen Post zu veröffentlichen. Schon beim Schreiben dieser letzten Zeile bin ich mir nicht mehr sicher, ob es so klug war, dieses Vorhaben öffentlich kundzutun. Weil meine Chefin das aber so will, lass ich es mal so stehen – sie sagt, so sei der Druck größer wirklich regelmäßig was zu schreiben. Mal sehen, ob sie damit Recht behält.  





Do something - oder: Mein Leben mit einem Esel



Jetzt mache ich seit fünf Wochen eine Weiterbildung zur Autorin und schreibe nicht. Was fällt mir eigentlich ein? Eigentlich ja recht viel. Da schwirrt schon einiges im Kopf herum, nur Aufschreiben war in den letzten Wochen irgendwie nicht drin. Zu viel Ablenkung. Zu viel Selbstbemängelung. Zu wenig Zeit. Zu wenig Schlaf.

Mein heutiges Seminar hat mich zum Nachdenken und mein Tintenfass zum Überlaufen gebracht, sodass ich hier jetzt einfach mal herumkleckse. Wozu hab ich denn diese Plattform namens Blog? Eigentlich sollte das neue Jahr ja ganz anders anfangen. Voller Tatendrang und Motivation galoppierte ich auf einem kraftvollen Hengst in Richtung 2015 mit einer Lanze in der einen und einem Schild in der anderen Hand, gewappnet für alles, was da kommen sollte. Doch jäh verwandelte sich der Hengst in einen Esel, der sich von Passanten ablenken und mit Möhrchen füttern lässt, mit mir oben drauf, ohne Handhabe oder Idee, das faule Langohr wieder in den energiegeladenen Vollblüter zu verwandeln. Dabei sollte 2015 doch das beste Jahr meines bisherigen Lebens werden, wie ich noch so bescheiden am Silvesterabend verkündete.

In letzter Zeit suchte ich des Öfteren das Gespräch mit mir selbst und erklärte meiner inneren Stimme, die schon echt pissig war, warum mein Blog zeitweilig brach liegt. Ich fand, meines Erachtens, auch ein ganz gutes Argument, um das plötzliche Auftauchen des Esels zu erklären: Ich war dolle, dolle krank. Am siebten Tag des Jahres 2015 bekam ich Husten und furchtbare Gliederschmerzen und ernährte mich fortan nur noch von Dosenobst und Grießbrei. Wenn ich krank bin beschränkt sich mein Appetit automatisch nur noch auf Nahrungsmittel, die sich gefahrlos zwischen zwei Hustern runterschlucken lassen. Der einmalige Versuch Müsli zu essen bestätigte meine Theorie.

21 Tage rumliegen und husten, das hört sich nach viel Zeit zum Schreiben an. Hatte ich auch gehofft, aber mein Wohlbefinden reichte nicht mal dafür aus, über längere Zeit geradeaus auf den Fernseher zu starren und endlich mal mit der Abarbeitung meiner stetig wachsenden Watchlist diverser hochgelobter Serien zu beginnen, um schließlich zu verstehen, wieso Walter White plötzlich Heisenberg heißt und warum es bei "Game of Thrones" immer schneit. Ich habe also hauptsächlich rumgelegen und mich erfolglos gesund geschlafen. Als Fazit dieser verschwendeten Lebenszeit, verkaufe ich wohl demnächst das Konzept der „Bronchitis-Diät – verliere 5kg in 3 Wochen“ an die Brigitte und bin der schmerzhaften Erkenntnis reicher, dass man sich dank starken Hustens durchaus die Rippen prellen kann.

Am richtigen Leben nahm ich erst wieder Teil, als Anfang Februar meine Weiterbildung begann. Nach 21 Tagen in der Waagerechten, bin ich seitdem wieder von 9-19 Uhr aus dem Haus. Und trotzdem sind das alles keine Ausreden, warum ich nichts geschrieben habe, denn das ist es ja, was ich machen will. Daran hat sich nichts geändert. Die Ideen kommen ja noch. Manchmal. Aber in unpassenden Momenten. Abends im Bett, müde und schläfrig, schreib ich in Gedanken die besten Sätze, die mir je eingefallen sind und versuche sie noch liegend und im Licht des Handydisplays auf den Block zu schreiben, der neben mir liegt, um auf ihm am nächsten Morgen die übereinander geschichteten Satzgebilde zu identifizieren, die irgendwie nicht mehr ganz so gut klingen, wie im nächtlichen Kreativhoch.

Während ich das hier schrieb, habe ich zwischendurch circa 26 Minuten auf Facebook und 12 Minuten mit Candy Crush verbracht (und das ist eine absolute Untertreibung). Dass ich mittlerweile in Level 635 bin, lasse ich auch mal so im Raum stehen.

Ob ich mit dieser und den 57 Zeilen darüber die Zügel meines Esels wieder in die Hand genommen habe, bleibt abzuwarten. Ich weiß nur eines und zitiere damit meinen heutigen Dozenten Christian Eisert: „Schreiben nervt, aber geschrieben haben ist toll.“


NYE - The day formally known as Silvester


Der letzte Tag des Jahres. Heute machen wir uns alle nochmal schick und sagen "Tschüss 2014, war schön. WM-Sieg, Conchita Wurst und so. Vielen Dank für die Blumen. Aber die ganzen verschwundenen Flugzeuge und Ebola waren nicht so cool, nicht zu vergessen, dass Leonardo DiCaprio schon wieder haarscharf am Oscar vorbei geschrammt ist. Das muss nächstes Jahr besser werden." 

Naja. Sail away. Das Leben geht weiter. Und zwar mit der unfassbaren Jahreszahl 2015, an die wir uns frühestens im Februar gewöhnt haben und von da an auf Formularen nur noch Ort und Datum verwechseln, letzteres aber wenigstens richtig schreiben können.  

Saßen wir nicht gerade erst mit einer lächerlichen 2000-Brille auf dem Sofa und haben etwas ängstlich das Millennium begrüßt? Ein Gedanke, den wahrscheinlich jeder Zweite so oder so ähnlich dieser Tage hat. Aber genau wie das Jahr 2000 ist auch der Abiball, die Hochzeit von Hinz und Kunz und das Sommermärchen gerade erst gewesen. Und mein Neffe, der just geboren wurde, kann sich mittlerweile auch schon hervorragend allein die Schuhe zu binden. 

Was mag das nächste Jahr wohl bringen? Neider? Viel Geld? Oder Ärger mit Handwerkern? Laut der Rückseite meiner Bleigießen-Verpackung erwartet mich all dies, wenn ich heute Nacht die äußerst wahrscheinliche Form eines Eimers, Moos oder die Umrisse eines Pinsels ergieße. Meistens siehts ja aus, wie erstarrtes Blei, welches man in kaltes Wasser gegossen hat, nur dafür steht in der Beschreibung keine Deutung. 

Egal was das Blei heute sagt, prophezeie ich mal ganz vorsichtig und ohne Druck, dass 2015 das beste Jahr meines bisherigen Lebens werden wird. Das ist zumindest mein guter Vorsatz fürs neue Jahr. 

Und Sit-ups machen. 


You're fired - oder: Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars


http://lostleni.blogspot.de/2014/10/youre-fired-oder-antrag-auf-erteilung.html

Ich bin arbeitslos. Mein unbefriedigender Job hat mich ohne mein Zutun einfach so verlassen. Betriebsbedingte Kündigung. Zukünftig hoffentlich besser bekannt als "Das Beste, was mir passieren konnte". Vor etwas über drei Jahren bin ich da relativ unbeteiligt reingerutscht. Über Kontakte kam ich damals zu einem recht lockeren Bewerbungsgespräch und statt auf eine Zusage warten zu müssen, fragte man mich direkt, ob ich mir vorstellen könne, in diesem jungen, dynamischen Start-up-Unternehmen zu arbeiten.

Ich sagte, mangels besserer Alternativen, zu und freute mich nach mehreren Monaten lächerlichen Praktikantenlohns auf mein erstes, echtes Gehalt. Übergangsweise, höchstens ein Jahr, wollte ich diesen Bürojob machen, der mir mit der Arbeit an Photoshop und diversen Schnittprogrammen relativ leicht von der Hand ging, aber eigentlich nicht so wirklich das war, was ich machen wollte. Erstmal in die Arbeitswelt reinschnuppern, ein bisschen Geld verdienen und parallel nach was Neuem suchen. Zu dumm nur, dass sich Alltag und Faulheit bald einschlichen und das nette Arbeitsklima mit den lieben Kollegen und das sichere Monatsgehalt einer Entlassung aus eigenem Antrieb im Wege standen. Die Entfristung im März tat dann sein Übriges und eine freiwillige Kündigung war nur noch illusorisches Wunschdenken.

Heute sitze ich nicht an meinem angestammten Schreibtisch im Büro und nähre meine Sehnenscheidenentzündung, sondern verbringe den Vormittag im Wartezimmer des Arbeitsamtes meines Bezirks. Überraschenderweise liegt es in fußläufiger Nähe meines Wohnhauses, ein Umstand, der mir zuvor nie aufgefallen war. Jetzt bin ich froh, dass ich mich nicht umständlicher Weise mit Bus oder Straßenbahn auf den Weg machen musste, besonders weil das heute schon mein zweiter Versuch ist, persönlich für meine Arbeitssuchendmeldung vorstellig zu werden. Vor ein paar Tagen bin ich schon mal hier gewesen und nachdem ich mich auf dem Arbeitsamt-Gelände zwischen Haus 1, 2 und 3 - allesamt mit unterschiedlichen Zuständigkeiten - entschieden hatte, teilte mir ein Sicherheitsmann  mit, dass "schon zu is. Morgen wieder. Nee morgen jar nich, dann Donnerstach!" Das stand so nicht im Internet. Da ich jetzt innerhalb der Öffnungszeiten hier bin und den Aufzug in der Etage des Empfangsbereichs verlassen habe, fühle ich mich inmitten anderer arbeitsloser Mitmenschen richtig und warte geduldig bis der Flachbildschirm an der Wand mit einem Dreiklang die Nummer meiner Wartemarke anzeigt.

Als ich vor 3 Wochen die Kündigung erhielt, war das beängstigend und erlösend zugleich. Arbeitslos! Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf. Was ist der nächste Schritt? Mal abgesehen von der verpflichtenden Online-Arbeitssuchendmeldung. Lebenslauf aktualisieren, vielleicht auch gleich neue Bewerbungsbilder machen lassen. Bewerbungsschreiben aufsetzen, welches sich durch wenige Tastenschläge an das anzuschreibende Unternehmen anpassen lässt. Anschließend Stellenanzeigen durchforsten, ebendie anzuschreibenden Unternehmen finden und dann heißt es: E-Mails, E-Mails, E-Mails schreiben. Dann Tee machen, ihn trinken und auf Einladungen zu hoffentlich vielen Bewerbungsgesprächen warten. Ich erinnere mich circa 5 Jahre zurück, als ich genau das schon einmal tat. Damals ging es noch um Praktikumsplätze. Stundenlang feilte ich an Anschreiben und Lebenslauf, checkte vorm Absenden drei Mal, ob ich auch die richtige Bewerbung an die richtige Person verschickte und ob Name und Anschrift des Ansprechpartners mittlerweile nicht doch falsch geschrieben sind. Neben einigen, vielen Absagen per E-Mail, kamen auch unverhofft einige, wenige Zusagen per Telefon, natürlich im denkbar unpassendsten Moment:

Während ich mir gerade ein Handtuch um die noch klitschnassen Haare drehe, klingelt das Handy. Die fremde Berliner Nummer auf dem Display lässt mich vermuten, dass ich gleich mit einem Mitarbeiter der vielen angeschriebenen Unternehmen sprechen werde. Ganz lässig gehe ich ran und versuche mit fester Stimme zu überspielen, dass ich gerade nur mit einem Handtuch und einem Turban bekleidet im Badezimmer stehe. Zu dieser Zeit wohnte ich in einer Gegend, die mein Mobilfunkanbieter nicht besonders flächendeckend mit gutem Empfang ausgestattet hatte. Das merke ich sehr schnell daran, dass ich nur Bruchstücke des Redeflusses meines Gesprächspartners mitbekomme. Ich versuche so leise wie möglich meine Position zu wechseln, in der Hoffnung, dass sich dadurch mein Netzempfang verbessert. Die genauen Daten meines Bewerbungsgespräches, um das es bei diesem Telefonat geht, erfahre ich weit aus dem Fenster gelehnt, wo der Empfang am besten zu sein scheint. "Haben Sie was zu schreiben?" "Äh, ja klar.", sage ich und raschele mit den Laubblättern, die auf dem Fensterbrett liegen. Er sagt mir die Adresse, Stockwerk, Ansprechpartner und auch die beste U-Bahnverbindung zu meinem Termin, zu dem ich in 3 Tagen um 10:30 Uhr erscheinen soll. Ich versuche auf die schnelle eine Eselsbrücke zum Stockwerk und dem Namen zu finden und hoffe, dass ich den Rest nachher ergoogeln kann. Drei Tage später stehe ich bereits 9:30 Uhr vor der Tür des Gebäudes. Ich habe alle Eventualitäten, die mein Zuspätkommen hätten hervorrufen können, eingeplant, nur ist keines davon eingetreten. Außerdem habe ich mich ganz entgegen meines Naturells nicht verlaufen (U-Bahn vom falschen Aufgang verlassen zählt nicht), weswegen ich jetzt eine ganze Stunde warten muss. Halb erfroren und mit voller Blase, wird mir eine Stunde später eine Tasse Tee angeboten, die ich höflicherweise annehme und aufgrund derer ich versuchen muss, nicht zu platzen, während ich meinen potentiellen Aufgaben lausche: Dinge zur Post bringen ("die ist aber ganz nah"), Sachen ordnen, Zeug kopieren. Und ich bekäme im Anschluss, also nach 6 Monaten für 400 Euro, auch ein Praktikumszeugnis ausgestellt. Glücklicherweise habe ich diese Praktikumsstelle damals nicht bekommen.

Nummer 192. Das bin ich. Ich springe auf, gehe zu Schalter 12 und sage meinen vorbereiteten Spruch: "Hallo, ich würde mich gern persönlich arbeitslos melden und ALG 1 beantragen." Ein junger Mann lächelt mir entgegen und teilt mir mit, dass das sehr schön sei, aber es hier nur ALG 2 gäbe, ALG 1 sei zwei Etagen höher. Erfreulicherweise kann ich ohne nochmal warten zu müssen nach oben und verlasse den Fahrstuhl nun in der Etage mit dem Hinweis "ASU". Hätte ich ja auch wissen können, dass ich hier hin muss. Hier oben wartet niemand und ich gehe direkt zum Schalter, wo ich abermals mein Sprüchlein aufsage und meinen Personalausweis vorzeigen muss. Nach weiteren, wie ich im Laufe des Tages noch feststellen werde, frequently asked questions, bedeutet eine meiner Antworten jedoch, dass ich heute noch ein bisschen länger unterwegs sein werde: "Sind sie Akademikerin?" Nachdem ich diese Frage bejaht habe und genauer nach meinem Abschluss befragt werde (Bachelor of Arts, man merke sich hier für später schon mal das ARTS), eröffnet mir die Frau am Schalter, dass in diesem Falle das Arbeitsamt in Mitte für mich verantwortlich sei. Wenn möglich, solle ich mich noch heute dort melden.

Zum Bachelor of Arts, der mir da gerade zum Verhängnis geworden ist, war es ein recht langer Weg. Zwar hab ich als Kind viel Zeit damit verbracht, mir Geschichten auszudenken, aufzuschreiben oder als Reportage mit Papas ausrangierter Kamera aufzunehmen, bin aber nie auf die Idee gekommen, dass so was auch ein Beruf sein könnte. Eher träumte ich vom Beruf der "Essenauftuerin" in der Kantine oder wollte Architektin werden, nachdem meine erste Kundin Barbie sich mit ihrem Flachbau aus Bauklötzen sehr zufrieden zeigte. Kurz vor und nach dem Abitur war die Kamera wieder präsent und besonders bei Urlauben und Ausflügen mein ständiger Begleiter, sodass ich die Woche nach der Rückkehr meist damit verbrachte für die Mitgereisten ein Video zusammen zuschneiden und auf DVD zu brennen. Mir wurde klar, dass ich in diese Richtung studieren wollte. Mit 21 Jahren zog ich von der Kleinstadt nach Berlin, um den cool klingenden Studiengang "Digital Film & Animation" zu belegen, in dem ich alles lernen sollte, was man zum Filme machen braucht. Neben der oft laaaangweiligen und trockenen Theorie, machte es aber furchtbar viel Spaß sich Konzepte für die vielen kleinen Kurzfilm-Projekte einfallen zu lassen. Auch die Umsetzung dieser brachte Spaß, aber auch viel technischen Schnickschnack mit sich, sodass es keine einzige Abgabe gab, bei der ich nicht kurz vor Schluss verzweifelt am Ausspielgerät saß, um zum sechsten Mal das Band auf Synchronität zu checken, nur um festzustellen, dass sich im Abspann ein Tippfehler befindet. Ein paar Monate später lautete die Aufgabe: Schreibe das Drehbuch für einen 15-minütigen Kurzfilm. Nach erstem Brainstorming waren eine Kommilitonin und ich so Feuer und Flamme für unsere gerade erschaffene Figur, dass wir darum baten zusammen einen doppelt so langen Film machen zu dürfen. Wir durften und arbeiteten die nächsten Wochen eifrig an "Die roten Schuhe". Diese Erfahrung und dem besagten Bachelor of Arts reicher, war für mich eigentlich klar, dass ich im Bereich "Drehbuch" Fuß fassen wollte, ein Unterfangen, was so leicht dann doch nicht möglich war. Nach vielen Recherchen und Bewerbungsversuchen erweiterte ich mein Suchfeld und bewarb mich um Praktika bei verschiedenen Film- und Fernsehproduktionen. Dreimal hatte ich Glück und statt Kaffee kochen und Sachen kopieren zu müssen, durfte ich kreativ sein, selbstausgedachtes auf Video bannen, zurecht schneiden und veröffentlichen. Das ging schon mal in die richtige Richtung, war jedoch zeitlich begrenzt und gar nicht bis lächerlich bezahlt. Kurz darauf kam besagtes Start-up auf mich zu und mir meine Trägheit in die Quere. Meine Ideen fanden nur noch in kleinen Kritzel-Notiz-Büchern Platz.

Im Arbeitsamt Mitte angekommen, durchquere ich die gigantische Eingangshalle und folge dem Schild mit der Aufschrift "Empfang". Da ich in diesem überdimensionalen Gebäudekomplex keinen weiteren Anhaltspunkt finde, hoffe ich, dort einen richtigen Ansprechpartner zu finden. Am Schalter sage ich abermals mein Sprüchlein und beantworte routiniert die FAQs. Mir wird der Weg zum Warteraum beschrieben und ich merke mir irgendwas mit "003". Ich bin froh, dass ich überhaupt die Aufzüge finde und wähle die Etage, die mit "Antragssteller ALG 1" beschrieben wird. Ich betrete einen Warteraum und entdecke an der Wand ein Schild mit der Aufschrift "N3003", darunter ein Pfeil, der auf einen Raum zeigt, in welchem laut Türbeschriftung Kundengespräche stattfinden. Ich nehme an, dass ich alle Hinweise korrekt kombiniert habe, setze mich und stelle mich aufgrund der nicht vorhandenen Mitwarter auf eine kurze Verweildauer ein.

Nach zwei Jahren im Büro rüttelte ein erstes Aufbäumen meinerseits den festgefahrenen Alltag auf. Ich nahm mir 8 Wochen frei, einen Kredit auf und flog allein in die USA, um an der University of Los Angeles zu studieren. Neben neuerlangtem Wissen über Regie und einer selbstgeschriebenen Comedyserien-Pilotfolge, nahm ich von dieser Reise aber vor Allem meinen heutigen Verlobten mit nach Hause. Mein Schicksal hatte für mich wohl eher das private, als das berufliche Glück vorgesehen. Schicksal, es sei dir verziehen. Das soll nicht heißen, dass ich an der UCLA nichts gelernt habe, aber zurück in Deutschland hat es mir nicht den gewünschten Auftrieb gegeben, mich dem festen Gehalt zu entsagen und dem Chef mutig in die Augen zu blicken und zu kündigen, zumal ich nun ja auch noch einen Kredit abzuzahlen hatte.
 
Seit 60 Minuten sitze ich im Wartezimmer. Vor 20 Minuten wurde eine Frau aufgerufen, die später als ich kam und jetzt schon wieder auf dem Weg nach Hause ist. Im Sekundentakt laufen Leute über den Flur, die allesamt hier zu arbeiten scheinen. Bis vor einer halben Stunde schaute ich jedes Mal erfreut auf und hoffte, dass einer von ihnen auf mich zu kommt und namentlich aufruft, so wie der Aufsteller in der Mitte des Raumes verspricht. Mittlerweile schaue ich nicht mal mehr hoch, wenn jemand die Tür zur Teeküche oder der Mitarbeitertoilette aufschließt. Es ist schon 15:30. Die machen bald zu. Mich beschleicht die Befürchtung, dass entweder keiner weiß, dass ich hier warte oder, noch schlimmer, ich seit über einer Stunde falsch warte und in einer anderen Etage bereits ein Suchtrupp nach mir losgeschickt wurde. Wundern würde es mich nicht. Sogar, wenn es eigentlich unmöglich ist sich zu verlaufen, ich schaffe es. Ich fahre sogar mit Navigationssystem falsch oder biege im Shopping-Center nach dem Verlassen eines Ladens in die gleiche Richtung ab, aus der ich gekommen war. Der Name "Lost Leni" kommt nicht von ungefähr. Ich kann mir bis heute nicht merken, welche U-Bahn Linie vor meiner Haustür losfährt, obwohl sie mich mehrere Jahre zur Arbeit gebracht hat. Solche Informationen finden kurioserweise keine Anschlussstelle an meinen Synapsen. Dafür kenne ich die Namen diverser Promi-Kinder und kann mindestens einen Ex-Partner ihrer Eltern benennen. Maddox, Zahara, Pax, Shiloh, Knox und Vivienne helfen mir hier auf dem Arbeitsamt aber grad herzlich wenig. Billy Bob Thornton und Jennifer Aniston leider auch nicht.

Nachdem mich unzählige Arbeitsamt-Mitarbeiter zwar nett grüßten, aber nicht mitnahmen, wage ich es meinen Warteposten zu verlassen und suche die Toilette auf. Bei der Gelegenheit statte ich auch dem Empfang einen weiteren Besuch ab und frage vorsichtig nach, ob es zufällig sein kann, dass ich seit etwas über einer Stunde falsch warte. Da der Herr am Empfang scheinbar keine Synapsen für Gesichtserkennung hat und sich nicht mehr an unser Gespräch vor einer Stunde erinnern kann, beantworte ich nicht zum letzten Mal an diesem Tag die FAQs, um danach erneut den Weg zum Warteraum erklärt zu bekommen. Diesmal höre ich genauer hin und erkenne nun den Unterschied zwischen "N1003" in der 1. Etage und "N3003" in Etage 3. Zu dumm, dass vorhin nur die Information "irgendwas mit 003" in meinem Hirn hängengeblieben ist und ich annahm, damit könne ich nichts falsch machen.

Ich hab jetzt schon keine Lust mehr arbeitslos zu sein. Allein der Gedanke an die vielen Formulare, die ich auszufüllen habe und nur halbwegs verstehe, bereitet mir schlechte Laune. Trotz alledem habe ich aber auch keine Lust das oben genannte wahr zu machen und mich schnurstracks in einen neuen Job zu stürzen und "vorübergehend" einfach irgendwas zu machen, denn klar: Ich bin kein 53-jähriger Maurer mit Bandscheibenvorfall. Meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind recht gut und wenn ich mich nicht ganz blöd anstünde, wäre mein neuer Job mit Sicherheit besser bezahlt, als der vorherige. Nur würde mir nach ein paar Wochen oder vielleicht auch schon ein wenig früher auffallen, dass ich mit dem neuen Job versehentlich wieder in ein Hamsterrad gelangt bin, in dem sich alles um die Frage dreht, wann wieder Freitag ist.

Endlich sitze ich am Tisch einer Bearbeiterin, die mich in ihrem Computersystem gefunden hat, und nun mit mir gemeinsam mein Kundenprofil vervollständigt. Wie aus der Pistole geschossen antworte ich auf ihre Fragen, als wüsste ich auf wundersame Weise bereits, was sie von mir wissen will. "Sind Sie Akademikerin?" Nachdem, was mir gerade passiert ist, wage ich kaum diese Frage zu bejahen. In der Hoffnung, dass mir mein Bildungsgrad durch verlaufen und falsch warten nicht nachträglich aberkannt werden kann und mit dem Hintergedanken, dass ich doch gerade deshalb ins Arbeitsamt Mitte gekommen bin, sage ich etwas verunsichert "Ja, bin ich?!" Die Bearbeiterin klickt wild rum, tippt irgendwas und sagt: "Ich sehe sie haben im Bereich Film und Kunst studiert. Dann ist leider das Arbeitsamt ihres Bezirkes für sie zuständig." Meine Gesichtszüge entgleisen, gleichzeitig beruhigt es mich, dass ich nicht alleine für meine Arbeitsamt-Odyssee verantwortlich bin. Netterweise druckt mir die Bearbeiterin noch ein Dutzend Formulare aus, die ich auszufüllen und in einer Woche in meinem fußläufig zu erreichenden Arbeitsamt abzugeben habe.

Wäre an diesem Tag alles problemlos verlaufen, ich also direkt zum richtigen Schalter gegangen und hätte die Schalter-Frau mich nicht fälschlicherweise nach Berlin-Mitte geschickt, wäre all das oben stehende nicht passiert und dieser Blogeintrag nie geschrieben worden. Also sehe ich die Ereignisse dieses Tages als Recherche. Ein Tätigkeitsbereich meiner neuen Arbeit. Denn seitdem ich diesen Sommer angefangen habe, diesen Blog zu schreiben, ist endlich wieder Kreativität in mein Leben getreten. Ich habe wiederentdeckt, was mir schon als Kind und später im Studium Freude bereitet hatte und traue mich nun festzustellen, dass ich es auch kann. Und will. Ich will Schreiben. Beruflich. Seit Jahren stöbere ich in Büchern, verschlinge Dokumentationen oder lese Erfolgsgeschichten derer, die nicht mehr arbeiten müssen. Ich rede nicht von Leuten, die so reich sind, als dass sie nur noch mit der Yacht durch die Karibik schippern, sondern von Menschen, die nicht mehr arbeiten, weil sie ihre Arbeit nicht als Arbeit ansehen. Sie verbringen den Tag mit Dingen, für die sie sich begeistern und mit denen sie ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Das möchte ich auch. Ich habe keine Lust zu resignieren und davon auszugehen, dass mir nicht vergönnt ist, plump ausgedrückt, mein "Hobby zum Beruf" zu machen. Ich bin an einem Punkt in meinem Leben angekommen, der mir die Chance bietet, wieder auf den richtigen Pfad zu kommen, auch wenn dieser beschwerlich wird.

Den leichten Weg habe ich in den vergangenen drei Jahren genommen. Ich möchte nicht sagen, dass es vertane Zeit war, in der ich nichts gelernt habe. Auch Umwege erweitern unseren Horizont. Es war eher eine lustige Klassenfahrt in einem Reisebus, der mit gedrosselter Geschwindigkeit eine monotone Straße entlangfährt und fährt und fährt, aber irgendwie nie anzukommen schien. Eine Reise ins Nirgendwo. Genau da wurde ich nun ausgesetzt. Jetzt stehe ich hier, auf einer einsamen Straße im Nebel und stelle fest, dass ich mich mal wieder verirrt habe. Auch wenn ich noch nicht sehen kann, wo ich hin laufe, so kenne ich jetzt zumindest die richtige Richtung. Ich mache einfach einen Schritt nach dem anderen und vertraue darauf, dass der Weg hinter dem Dunst weitergeht. Mit Sicherheit wird es um einiges anstrengender, mühsamer und nervenaufreibender als im Bus, aber dafür auch spannender und abenteuerlicher mit interessanten Dingen am Wegesrand, die ich zuvor geistessabwesend an mir vorbeiziehen ließ. Ich bin gewillt diesen Weg zielstrebig zu gehen, auch wenn hier und da asphaltierte Straßen abzweigen, die viel komfortabler zu sein scheinen, gehe ich lieber über Stock und Stein und bin mir sicher, dass ich auf Menschen treffe werde, die mir über schlammige Abschnitte und reißende Bäche hinweg helfen. Ich habe mich in meinem bisherigen Leben genug verlaufen. Ich als "Lost Leni" muss es ja schließlich wissen.


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