The big question - oder: Wie man ein Feuer verhindert


Die Frage ist eigentlich trivial und doch so fundamental. Es ist eine Frage, über die ich mir oft den Kopf zerbreche und die Antwort meist erst dann finde, wenn es bereits zu spät ist. Die Frage entscheidet manchmal sogar über den weiteren Verlauf meines Lebens und das Leben vieler Anderer. Denn Tag für Tag fragen sich Millionen von Menschen nur eines: "Hab ich alles?"

Ich laufe mit meinem Mini-Einkauf vom Laden um die Ecke nach Hause. Der Laden ist perfekt um spontane Gelüste zu stillen, schnödes Magenknurren zu lindern oder irgendwelche Einzelgüter, die dringend im Haushalt benötigt werden, zu kaufen. Ja, was war das noch gleich? Irgendwas Wichtiges, von dem ich hätte Nachschub besorgen müssen. Ich wünschte, es würde mir einfallen und ich könnte wie einst Mrs. McCallister statt "KEVIN", sowas wie "BUTTER" kreischen und direkt umkehren. Es ist keine Viertelstunde her, dass mir die Dringlichkeit des Nachkaufs bewusst geworden war. "Das merke ich mir.", dachte ich und vergaß es sofort. Wie heute vormittag, als ich den Tee für 8 Minuten in der Küche ziehen lassen wollte und circa 2 Stunden später nur noch eine sehr bittere Brühe vorfand.

Beim Verlassen der S-Bahn gilt ein letzter Blick immer meinem Sitzplatz und etwaiger  Hinterlassenschaften. Verlasse ich meine Wohnung, mache ich den "Alles aus, alles zu"- Check. Fenster. Heizung. Herd. Der Herd wird auch gecheckt, wenn ich seit Tagen nicht gekocht habe. Vielleicht ist er ja schon seit Tagen an?!!?! Zu übertrieben? Abwarten. Dazu habe ich eine kleine Anekdote, bei der ich gar nicht weiß, ob sie meine Herd-Neurose verschlimmert oder verbessert hat. 

Eines Tages betrat ich eine Wohnung, in der es seltsam warm war. Nach kurzer Inspektion bemerkte ich, dass der Herd noch an war, nach längerem Nachdenken, seit 3 Tagen. Denn so lange war der Bewohner nicht zu Hause gewesen. Bis auf eine leicht angekokelte Herdplatte und einer recht hohen Raumtemperatur war zum Glück nichts weiter passiert. Das war sehr beruhigend, soll aber trotzdem nicht zum Nachmachen anregen. Mein Check-up ist weiterhin präsent und auch notwendig. Vor einigen Wochen saß ich in der U-Bahn auf dem Weg zu einem Restaurant, als mir glühend heiß einfiel, in diesem Fall sehr passend, dass ich den Lockenstab nicht ausgeschaltet hatte. Oder hatte ich? Ich versuchte mich krampfhaft an die sehr hektischen letzten Minuten zu Hause zu erinnern. Es war ganz plötzlich kurz vor U-Bahn-Abfahrtszeit gewesen und musste auf einmal sehr schnell gehen. Ein Bild vom herausgezogenen Lockenstab-Stecker konnte ich mir leider nicht ins Gedächtnis rufen und musste deshalb, mit dem brennenden Haus vor dem inneren Auge, auf halben Wege umkehren. Glücklicherweise war der Lockenstab einfach nur sehr heiß und lag in einiger Entfernung zu brennbaren Materialien.

Höchstwahrscheinlich wird der heutige Nicht-Kauf des benötigten Gegenstandes kein Feuer in meiner Wohnung auslösen. Trotzdem sehr ärgerlich. Am Abend, als ich beabsichtige meine Zähne zu putzen, fällt mir nämlich urplötzlich ein, was es gewesen wäre.

21 and counting - oder: Und täglich grüßt der Mückenstich


Das hat man nun davon, wenn der Herbst so schön warm und golden ist. Es ist Anfang November und ich habe 21 Mückenstiche. Einundzwanzig. (Stand: 10.11.2014, 21:46) Echt erstaunlich, wie die Mücke allnächtlich mit ihrem Rüssel, durch Kleidung und Bettdecke hindurch, jedes Körperareal zu erreichen scheint. Anfangs war ich sehr skeptisch welcher Herkunft meine juckenden Bisse seien mögen. Zunächst vermutete ich Flöhe oder gar Bettwanzen, denn das Naheliegende war dann doch zu fern. Nicht mal im Sommer hatte ich so viel Mückenkontakt. Da waren es eher andere fliegende Kleinstlebewesen, mit denen ich flüchtige, aber prägnante Bekanntschaft machte.

Trick or Treat? - oder: Mögen Kinder eigentlich Kesselchips?



Schon wieder ist ein Jahr rum und der Oktober endet mit einem Feiertag. Wohoo! Langes Wochenende! Zumindest in einigen Bundesländern. Wie passend, dass auf den Reformationstag auch Halloween fällt. Da konnte heute der ein oder andere noch den ganzen Tag am Kostüm feilen. In Deutschland ist Halloween ja eher ein Fest für die jungen Erwachsenen.
 
Kinder haben es ziemlich schwer, denn anders als in den USA, ist der gemeine, deutsche Haushalt wenig bis gar nicht auf klingelnde kostümierte Kinder vorbereitet. Ich hätte gerade auch nur Baumkuchen und Kesselchips im Angebot und sehe schon das enttäuschte Gesicht eines kleinen, mehr oder weniger gut verkleideten, Jokers vor mir. Besser gesagt, sehe ich es noch vor mir. Vor einigen Jahren kramte ich, mit zwei wartenden Jungen vor der Haustür, in meinem Küchenschrank und das Einzige, was ich fand, waren pinke Schaumzucker-Bärchen. Als ich die beiden Jungen fragte, ob sie nicht vielleicht eine Schwester hätten, die sich darüber freuen könnte, schauten sie mich nur traurig an und bedankten sich "trotzdem".  

Ich habe Halloween in den vergangenen Jahren meistens nur über die entsprechenden Folgen einschlägiger Sitcoms zelebriert und mir das verkleiden für Fasching ein paar Monate später aufgehoben. Die Kostümfrage gestaltet sich dann um einiges leichter, wenn man den Gruselfaktor außer Acht lassen kann. Wobei eigentlich jede Verkleidung mit dem vorangestellten Adjektiv "slutty" mittlerweile eine legitime Halloween-Kostümierung ist. Im letzten Jahr wurde ich spontan zu einer Halloween-Party eingeladen und in Ermangelung einer langen Vorbereitungsphase musste schnell aus vorhandener Kleidung ein Outfit gezaubert werden. Meine Cousine besaß glücklicherweise ein Dirndl, welches ja an sich nicht wirklich gruselig ist. Ein paar Schminkutensilien und ein YouTube-Tutorial später war ich dann ein (slutty) Oktoberfest-Zombie mit der Backstory: Während des Oktoberfests irgendwie verschütt gegangen und pünktlich zu Halloween wieder auferstanden. 

In diesem Jahr ist keine spontane Halloween-Party in Sicht und ich habe beschlossen mich heute mit Hilfe eines Horrorfilm-Abends in gruselige Stimmung zu bringen. Vor ein paar Stunden habe ich zur Auswahl ein paar Trailer angeschaut und fühlte mich sofort beobachtet. Das Gefühl hält bis jetzt an und ich befürchte seit geraumer Zeit, dass in der dunklen Ecke des Raumes ein blasses Kind steht, welches mich anstarrt und sich nicht vom Fleck rührt. Ich werde ihm ein paar Kesselchips anbieten. Happy Halloween!
 

You're fired - oder: Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars


http://lostleni.blogspot.de/2014/10/youre-fired-oder-antrag-auf-erteilung.html

Ich bin arbeitslos. Mein unbefriedigender Job hat mich ohne mein Zutun einfach so verlassen. Betriebsbedingte Kündigung. Zukünftig hoffentlich besser bekannt als "Das Beste, was mir passieren konnte". Vor etwas über drei Jahren bin ich da relativ unbeteiligt reingerutscht. Über Kontakte kam ich damals zu einem recht lockeren Bewerbungsgespräch und statt auf eine Zusage warten zu müssen, fragte man mich direkt, ob ich mir vorstellen könne, in diesem jungen, dynamischen Start-up-Unternehmen zu arbeiten.

Ich sagte, mangels besserer Alternativen, zu und freute mich nach mehreren Monaten lächerlichen Praktikantenlohns auf mein erstes, echtes Gehalt. Übergangsweise, höchstens ein Jahr, wollte ich diesen Bürojob machen, der mir mit der Arbeit an Photoshop und diversen Schnittprogrammen relativ leicht von der Hand ging, aber eigentlich nicht so wirklich das war, was ich machen wollte. Erstmal in die Arbeitswelt reinschnuppern, ein bisschen Geld verdienen und parallel nach was Neuem suchen. Zu dumm nur, dass sich Alltag und Faulheit bald einschlichen und das nette Arbeitsklima mit den lieben Kollegen und das sichere Monatsgehalt einer Entlassung aus eigenem Antrieb im Wege standen. Die Entfristung im März tat dann sein Übriges und eine freiwillige Kündigung war nur noch illusorisches Wunschdenken.

Heute sitze ich nicht an meinem angestammten Schreibtisch im Büro und nähre meine Sehnenscheidenentzündung, sondern verbringe den Vormittag im Wartezimmer des Arbeitsamtes meines Bezirks. Überraschenderweise liegt es in fußläufiger Nähe meines Wohnhauses, ein Umstand, der mir zuvor nie aufgefallen war. Jetzt bin ich froh, dass ich mich nicht umständlicher Weise mit Bus oder Straßenbahn auf den Weg machen musste, besonders weil das heute schon mein zweiter Versuch ist, persönlich für meine Arbeitssuchendmeldung vorstellig zu werden. Vor ein paar Tagen bin ich schon mal hier gewesen und nachdem ich mich auf dem Arbeitsamt-Gelände zwischen Haus 1, 2 und 3 - allesamt mit unterschiedlichen Zuständigkeiten - entschieden hatte, teilte mir ein Sicherheitsmann  mit, dass "schon zu is. Morgen wieder. Nee morgen jar nich, dann Donnerstach!" Das stand so nicht im Internet. Da ich jetzt innerhalb der Öffnungszeiten hier bin und den Aufzug in der Etage des Empfangsbereichs verlassen habe, fühle ich mich inmitten anderer arbeitsloser Mitmenschen richtig und warte geduldig bis der Flachbildschirm an der Wand mit einem Dreiklang die Nummer meiner Wartemarke anzeigt.

Als ich vor 3 Wochen die Kündigung erhielt, war das beängstigend und erlösend zugleich. Arbeitslos! Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf. Was ist der nächste Schritt? Mal abgesehen von der verpflichtenden Online-Arbeitssuchendmeldung. Lebenslauf aktualisieren, vielleicht auch gleich neue Bewerbungsbilder machen lassen. Bewerbungsschreiben aufsetzen, welches sich durch wenige Tastenschläge an das anzuschreibende Unternehmen anpassen lässt. Anschließend Stellenanzeigen durchforsten, ebendie anzuschreibenden Unternehmen finden und dann heißt es: E-Mails, E-Mails, E-Mails schreiben. Dann Tee machen, ihn trinken und auf Einladungen zu hoffentlich vielen Bewerbungsgesprächen warten. Ich erinnere mich circa 5 Jahre zurück, als ich genau das schon einmal tat. Damals ging es noch um Praktikumsplätze. Stundenlang feilte ich an Anschreiben und Lebenslauf, checkte vorm Absenden drei Mal, ob ich auch die richtige Bewerbung an die richtige Person verschickte und ob Name und Anschrift des Ansprechpartners mittlerweile nicht doch falsch geschrieben sind. Neben einigen, vielen Absagen per E-Mail, kamen auch unverhofft einige, wenige Zusagen per Telefon, natürlich im denkbar unpassendsten Moment:

Während ich mir gerade ein Handtuch um die noch klitschnassen Haare drehe, klingelt das Handy. Die fremde Berliner Nummer auf dem Display lässt mich vermuten, dass ich gleich mit einem Mitarbeiter der vielen angeschriebenen Unternehmen sprechen werde. Ganz lässig gehe ich ran und versuche mit fester Stimme zu überspielen, dass ich gerade nur mit einem Handtuch und einem Turban bekleidet im Badezimmer stehe. Zu dieser Zeit wohnte ich in einer Gegend, die mein Mobilfunkanbieter nicht besonders flächendeckend mit gutem Empfang ausgestattet hatte. Das merke ich sehr schnell daran, dass ich nur Bruchstücke des Redeflusses meines Gesprächspartners mitbekomme. Ich versuche so leise wie möglich meine Position zu wechseln, in der Hoffnung, dass sich dadurch mein Netzempfang verbessert. Die genauen Daten meines Bewerbungsgespräches, um das es bei diesem Telefonat geht, erfahre ich weit aus dem Fenster gelehnt, wo der Empfang am besten zu sein scheint. "Haben Sie was zu schreiben?" "Äh, ja klar.", sage ich und raschele mit den Laubblättern, die auf dem Fensterbrett liegen. Er sagt mir die Adresse, Stockwerk, Ansprechpartner und auch die beste U-Bahnverbindung zu meinem Termin, zu dem ich in 3 Tagen um 10:30 Uhr erscheinen soll. Ich versuche auf die schnelle eine Eselsbrücke zum Stockwerk und dem Namen zu finden und hoffe, dass ich den Rest nachher ergoogeln kann. Drei Tage später stehe ich bereits 9:30 Uhr vor der Tür des Gebäudes. Ich habe alle Eventualitäten, die mein Zuspätkommen hätten hervorrufen können, eingeplant, nur ist keines davon eingetreten. Außerdem habe ich mich ganz entgegen meines Naturells nicht verlaufen (U-Bahn vom falschen Aufgang verlassen zählt nicht), weswegen ich jetzt eine ganze Stunde warten muss. Halb erfroren und mit voller Blase, wird mir eine Stunde später eine Tasse Tee angeboten, die ich höflicherweise annehme und aufgrund derer ich versuchen muss, nicht zu platzen, während ich meinen potentiellen Aufgaben lausche: Dinge zur Post bringen ("die ist aber ganz nah"), Sachen ordnen, Zeug kopieren. Und ich bekäme im Anschluss, also nach 6 Monaten für 400 Euro, auch ein Praktikumszeugnis ausgestellt. Glücklicherweise habe ich diese Praktikumsstelle damals nicht bekommen.

Nummer 192. Das bin ich. Ich springe auf, gehe zu Schalter 12 und sage meinen vorbereiteten Spruch: "Hallo, ich würde mich gern persönlich arbeitslos melden und ALG 1 beantragen." Ein junger Mann lächelt mir entgegen und teilt mir mit, dass das sehr schön sei, aber es hier nur ALG 2 gäbe, ALG 1 sei zwei Etagen höher. Erfreulicherweise kann ich ohne nochmal warten zu müssen nach oben und verlasse den Fahrstuhl nun in der Etage mit dem Hinweis "ASU". Hätte ich ja auch wissen können, dass ich hier hin muss. Hier oben wartet niemand und ich gehe direkt zum Schalter, wo ich abermals mein Sprüchlein aufsage und meinen Personalausweis vorzeigen muss. Nach weiteren, wie ich im Laufe des Tages noch feststellen werde, frequently asked questions, bedeutet eine meiner Antworten jedoch, dass ich heute noch ein bisschen länger unterwegs sein werde: "Sind sie Akademikerin?" Nachdem ich diese Frage bejaht habe und genauer nach meinem Abschluss befragt werde (Bachelor of Arts, man merke sich hier für später schon mal das ARTS), eröffnet mir die Frau am Schalter, dass in diesem Falle das Arbeitsamt in Mitte für mich verantwortlich sei. Wenn möglich, solle ich mich noch heute dort melden.

Zum Bachelor of Arts, der mir da gerade zum Verhängnis geworden ist, war es ein recht langer Weg. Zwar hab ich als Kind viel Zeit damit verbracht, mir Geschichten auszudenken, aufzuschreiben oder als Reportage mit Papas ausrangierter Kamera aufzunehmen, bin aber nie auf die Idee gekommen, dass so was auch ein Beruf sein könnte. Eher träumte ich vom Beruf der "Essenauftuerin" in der Kantine oder wollte Architektin werden, nachdem meine erste Kundin Barbie sich mit ihrem Flachbau aus Bauklötzen sehr zufrieden zeigte. Kurz vor und nach dem Abitur war die Kamera wieder präsent und besonders bei Urlauben und Ausflügen mein ständiger Begleiter, sodass ich die Woche nach der Rückkehr meist damit verbrachte für die Mitgereisten ein Video zusammen zuschneiden und auf DVD zu brennen. Mir wurde klar, dass ich in diese Richtung studieren wollte. Mit 21 Jahren zog ich von der Kleinstadt nach Berlin, um den cool klingenden Studiengang "Digital Film & Animation" zu belegen, in dem ich alles lernen sollte, was man zum Filme machen braucht. Neben der oft laaaangweiligen und trockenen Theorie, machte es aber furchtbar viel Spaß sich Konzepte für die vielen kleinen Kurzfilm-Projekte einfallen zu lassen. Auch die Umsetzung dieser brachte Spaß, aber auch viel technischen Schnickschnack mit sich, sodass es keine einzige Abgabe gab, bei der ich nicht kurz vor Schluss verzweifelt am Ausspielgerät saß, um zum sechsten Mal das Band auf Synchronität zu checken, nur um festzustellen, dass sich im Abspann ein Tippfehler befindet. Ein paar Monate später lautete die Aufgabe: Schreibe das Drehbuch für einen 15-minütigen Kurzfilm. Nach erstem Brainstorming waren eine Kommilitonin und ich so Feuer und Flamme für unsere gerade erschaffene Figur, dass wir darum baten zusammen einen doppelt so langen Film machen zu dürfen. Wir durften und arbeiteten die nächsten Wochen eifrig an "Die roten Schuhe". Diese Erfahrung und dem besagten Bachelor of Arts reicher, war für mich eigentlich klar, dass ich im Bereich "Drehbuch" Fuß fassen wollte, ein Unterfangen, was so leicht dann doch nicht möglich war. Nach vielen Recherchen und Bewerbungsversuchen erweiterte ich mein Suchfeld und bewarb mich um Praktika bei verschiedenen Film- und Fernsehproduktionen. Dreimal hatte ich Glück und statt Kaffee kochen und Sachen kopieren zu müssen, durfte ich kreativ sein, selbstausgedachtes auf Video bannen, zurecht schneiden und veröffentlichen. Das ging schon mal in die richtige Richtung, war jedoch zeitlich begrenzt und gar nicht bis lächerlich bezahlt. Kurz darauf kam besagtes Start-up auf mich zu und mir meine Trägheit in die Quere. Meine Ideen fanden nur noch in kleinen Kritzel-Notiz-Büchern Platz.

Im Arbeitsamt Mitte angekommen, durchquere ich die gigantische Eingangshalle und folge dem Schild mit der Aufschrift "Empfang". Da ich in diesem überdimensionalen Gebäudekomplex keinen weiteren Anhaltspunkt finde, hoffe ich, dort einen richtigen Ansprechpartner zu finden. Am Schalter sage ich abermals mein Sprüchlein und beantworte routiniert die FAQs. Mir wird der Weg zum Warteraum beschrieben und ich merke mir irgendwas mit "003". Ich bin froh, dass ich überhaupt die Aufzüge finde und wähle die Etage, die mit "Antragssteller ALG 1" beschrieben wird. Ich betrete einen Warteraum und entdecke an der Wand ein Schild mit der Aufschrift "N3003", darunter ein Pfeil, der auf einen Raum zeigt, in welchem laut Türbeschriftung Kundengespräche stattfinden. Ich nehme an, dass ich alle Hinweise korrekt kombiniert habe, setze mich und stelle mich aufgrund der nicht vorhandenen Mitwarter auf eine kurze Verweildauer ein.

Nach zwei Jahren im Büro rüttelte ein erstes Aufbäumen meinerseits den festgefahrenen Alltag auf. Ich nahm mir 8 Wochen frei, einen Kredit auf und flog allein in die USA, um an der University of Los Angeles zu studieren. Neben neuerlangtem Wissen über Regie und einer selbstgeschriebenen Comedyserien-Pilotfolge, nahm ich von dieser Reise aber vor Allem meinen heutigen Verlobten mit nach Hause. Mein Schicksal hatte für mich wohl eher das private, als das berufliche Glück vorgesehen. Schicksal, es sei dir verziehen. Das soll nicht heißen, dass ich an der UCLA nichts gelernt habe, aber zurück in Deutschland hat es mir nicht den gewünschten Auftrieb gegeben, mich dem festen Gehalt zu entsagen und dem Chef mutig in die Augen zu blicken und zu kündigen, zumal ich nun ja auch noch einen Kredit abzuzahlen hatte.
 
Seit 60 Minuten sitze ich im Wartezimmer. Vor 20 Minuten wurde eine Frau aufgerufen, die später als ich kam und jetzt schon wieder auf dem Weg nach Hause ist. Im Sekundentakt laufen Leute über den Flur, die allesamt hier zu arbeiten scheinen. Bis vor einer halben Stunde schaute ich jedes Mal erfreut auf und hoffte, dass einer von ihnen auf mich zu kommt und namentlich aufruft, so wie der Aufsteller in der Mitte des Raumes verspricht. Mittlerweile schaue ich nicht mal mehr hoch, wenn jemand die Tür zur Teeküche oder der Mitarbeitertoilette aufschließt. Es ist schon 15:30. Die machen bald zu. Mich beschleicht die Befürchtung, dass entweder keiner weiß, dass ich hier warte oder, noch schlimmer, ich seit über einer Stunde falsch warte und in einer anderen Etage bereits ein Suchtrupp nach mir losgeschickt wurde. Wundern würde es mich nicht. Sogar, wenn es eigentlich unmöglich ist sich zu verlaufen, ich schaffe es. Ich fahre sogar mit Navigationssystem falsch oder biege im Shopping-Center nach dem Verlassen eines Ladens in die gleiche Richtung ab, aus der ich gekommen war. Der Name "Lost Leni" kommt nicht von ungefähr. Ich kann mir bis heute nicht merken, welche U-Bahn Linie vor meiner Haustür losfährt, obwohl sie mich mehrere Jahre zur Arbeit gebracht hat. Solche Informationen finden kurioserweise keine Anschlussstelle an meinen Synapsen. Dafür kenne ich die Namen diverser Promi-Kinder und kann mindestens einen Ex-Partner ihrer Eltern benennen. Maddox, Zahara, Pax, Shiloh, Knox und Vivienne helfen mir hier auf dem Arbeitsamt aber grad herzlich wenig. Billy Bob Thornton und Jennifer Aniston leider auch nicht.

Nachdem mich unzählige Arbeitsamt-Mitarbeiter zwar nett grüßten, aber nicht mitnahmen, wage ich es meinen Warteposten zu verlassen und suche die Toilette auf. Bei der Gelegenheit statte ich auch dem Empfang einen weiteren Besuch ab und frage vorsichtig nach, ob es zufällig sein kann, dass ich seit etwas über einer Stunde falsch warte. Da der Herr am Empfang scheinbar keine Synapsen für Gesichtserkennung hat und sich nicht mehr an unser Gespräch vor einer Stunde erinnern kann, beantworte ich nicht zum letzten Mal an diesem Tag die FAQs, um danach erneut den Weg zum Warteraum erklärt zu bekommen. Diesmal höre ich genauer hin und erkenne nun den Unterschied zwischen "N1003" in der 1. Etage und "N3003" in Etage 3. Zu dumm, dass vorhin nur die Information "irgendwas mit 003" in meinem Hirn hängengeblieben ist und ich annahm, damit könne ich nichts falsch machen.

Ich hab jetzt schon keine Lust mehr arbeitslos zu sein. Allein der Gedanke an die vielen Formulare, die ich auszufüllen habe und nur halbwegs verstehe, bereitet mir schlechte Laune. Trotz alledem habe ich aber auch keine Lust das oben genannte wahr zu machen und mich schnurstracks in einen neuen Job zu stürzen und "vorübergehend" einfach irgendwas zu machen, denn klar: Ich bin kein 53-jähriger Maurer mit Bandscheibenvorfall. Meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind recht gut und wenn ich mich nicht ganz blöd anstünde, wäre mein neuer Job mit Sicherheit besser bezahlt, als der vorherige. Nur würde mir nach ein paar Wochen oder vielleicht auch schon ein wenig früher auffallen, dass ich mit dem neuen Job versehentlich wieder in ein Hamsterrad gelangt bin, in dem sich alles um die Frage dreht, wann wieder Freitag ist.

Endlich sitze ich am Tisch einer Bearbeiterin, die mich in ihrem Computersystem gefunden hat, und nun mit mir gemeinsam mein Kundenprofil vervollständigt. Wie aus der Pistole geschossen antworte ich auf ihre Fragen, als wüsste ich auf wundersame Weise bereits, was sie von mir wissen will. "Sind Sie Akademikerin?" Nachdem, was mir gerade passiert ist, wage ich kaum diese Frage zu bejahen. In der Hoffnung, dass mir mein Bildungsgrad durch verlaufen und falsch warten nicht nachträglich aberkannt werden kann und mit dem Hintergedanken, dass ich doch gerade deshalb ins Arbeitsamt Mitte gekommen bin, sage ich etwas verunsichert "Ja, bin ich?!" Die Bearbeiterin klickt wild rum, tippt irgendwas und sagt: "Ich sehe sie haben im Bereich Film und Kunst studiert. Dann ist leider das Arbeitsamt ihres Bezirkes für sie zuständig." Meine Gesichtszüge entgleisen, gleichzeitig beruhigt es mich, dass ich nicht alleine für meine Arbeitsamt-Odyssee verantwortlich bin. Netterweise druckt mir die Bearbeiterin noch ein Dutzend Formulare aus, die ich auszufüllen und in einer Woche in meinem fußläufig zu erreichenden Arbeitsamt abzugeben habe.

Wäre an diesem Tag alles problemlos verlaufen, ich also direkt zum richtigen Schalter gegangen und hätte die Schalter-Frau mich nicht fälschlicherweise nach Berlin-Mitte geschickt, wäre all das oben stehende nicht passiert und dieser Blogeintrag nie geschrieben worden. Also sehe ich die Ereignisse dieses Tages als Recherche. Ein Tätigkeitsbereich meiner neuen Arbeit. Denn seitdem ich diesen Sommer angefangen habe, diesen Blog zu schreiben, ist endlich wieder Kreativität in mein Leben getreten. Ich habe wiederentdeckt, was mir schon als Kind und später im Studium Freude bereitet hatte und traue mich nun festzustellen, dass ich es auch kann. Und will. Ich will Schreiben. Beruflich. Seit Jahren stöbere ich in Büchern, verschlinge Dokumentationen oder lese Erfolgsgeschichten derer, die nicht mehr arbeiten müssen. Ich rede nicht von Leuten, die so reich sind, als dass sie nur noch mit der Yacht durch die Karibik schippern, sondern von Menschen, die nicht mehr arbeiten, weil sie ihre Arbeit nicht als Arbeit ansehen. Sie verbringen den Tag mit Dingen, für die sie sich begeistern und mit denen sie ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Das möchte ich auch. Ich habe keine Lust zu resignieren und davon auszugehen, dass mir nicht vergönnt ist, plump ausgedrückt, mein "Hobby zum Beruf" zu machen. Ich bin an einem Punkt in meinem Leben angekommen, der mir die Chance bietet, wieder auf den richtigen Pfad zu kommen, auch wenn dieser beschwerlich wird.

Den leichten Weg habe ich in den vergangenen drei Jahren genommen. Ich möchte nicht sagen, dass es vertane Zeit war, in der ich nichts gelernt habe. Auch Umwege erweitern unseren Horizont. Es war eher eine lustige Klassenfahrt in einem Reisebus, der mit gedrosselter Geschwindigkeit eine monotone Straße entlangfährt und fährt und fährt, aber irgendwie nie anzukommen schien. Eine Reise ins Nirgendwo. Genau da wurde ich nun ausgesetzt. Jetzt stehe ich hier, auf einer einsamen Straße im Nebel und stelle fest, dass ich mich mal wieder verirrt habe. Auch wenn ich noch nicht sehen kann, wo ich hin laufe, so kenne ich jetzt zumindest die richtige Richtung. Ich mache einfach einen Schritt nach dem anderen und vertraue darauf, dass der Weg hinter dem Dunst weitergeht. Mit Sicherheit wird es um einiges anstrengender, mühsamer und nervenaufreibender als im Bus, aber dafür auch spannender und abenteuerlicher mit interessanten Dingen am Wegesrand, die ich zuvor geistessabwesend an mir vorbeiziehen ließ. Ich bin gewillt diesen Weg zielstrebig zu gehen, auch wenn hier und da asphaltierte Straßen abzweigen, die viel komfortabler zu sein scheinen, gehe ich lieber über Stock und Stein und bin mir sicher, dass ich auf Menschen treffe werde, die mir über schlammige Abschnitte und reißende Bäche hinweg helfen. Ich habe mich in meinem bisherigen Leben genug verlaufen. Ich als "Lost Leni" muss es ja schließlich wissen.


It's my life - oder: Ein Kind der 90er erzählt


Ich bin ein Kind der Neunziger. Voll und ganz. Diesen Teil meiner Biografie möchte ich auf gar keinen Fall missen oder gegen eine Ipad-Internet-Wii-Kindheit der heutigen Zeit eintauschen. Wenn ich an meine Kindheit denke, schießt mir sofort eine Bildmontage aus Tamagotchis, bunten Leggins, Polly Pocket, Pixibüchern, Garfield-Bettwäsche und Frufoos durch den Kopf, dann wackelt ein kleiner blauer Pudel durchs Bild, der auf Knopfdruck ein bellähnliches Geräusch und einen Überschlag macht, im Hintergrund klackt ein Joystick und ein Medley aus Mr. Vain, Mysterious Girl und "ski-ba-bop-ba-dop-bop, ba-bop-ba-dop-bop... I'm a Scatman" erklingt - Der Soundtrack der 90er.

Im Sommer war es immer heiß. Passend dazu gab es den alljährlichen Sommerhit mit leicht erlernbarer Choreografie, die ich nach einmaliger Sichtung des Musikvideos drauf hatte. Allgemein bewegte ich mich in den früheren Neunzigern hauptsächlich hüpfend und rennend fort.
Weihnachten lag immer Schnee. Wenn das Glöckchen läutete, gab es Geschenke, die ich im Froschsitz unterm Weihnachtsbaum auspackte. Meistens befreite ich Dinosaurier, Kuscheltiere oder Barbiezubehör vom feierlich gemusterten Geschenkpapier, was wie bei den Hoppenstedts zunächst im Flur zwischengelagert wurde. Und dann machten wir es uns gemütlich.

Warum fand man eigentlich diese hässlichen, nackten Trolle mit dem bunten Filzhaar so toll? Konnten die irgendwas? Ich hatte circa 6 davon, einen sogar mit einem coolen, grünen Diamanten im Bauchnabel. Von kleinen Ponys besaß ich mindestens doppelt so viele. Die konnte man immer so schön frisieren mit ihren winzigen Bürstchen, die im Lieferumfang enthalten und somit vielfach im Kinderzimmer vertreten waren. Apropos treten, auf diese Weise fand man verloren geglaubte Mini-Bürsten meistens wieder. Bei einer meiner Barbies ging ein Frisierversuch mächtig daneben. Das lag hauptsächlich daran, dass auch eine Schere mit im Spiel war. Nach mehreren Korrekturversuchen blieb nur noch eine Kurzhaarfrisur übrig und diese Barbie trat von nun an nur noch als Oma in Erscheinung.

Neben dem Trendspielzeug Spirograph, dem obligatorischen Slime (was einige Fettflecken an der Wand hinterlassen hat), den süßen Wauzis, dem coolen Skip-it aus der Werbung (hier ist ein lustiges und interessantes Video dazu) und der Regenbogen-Springspirale (die, glaube ich, jeder hatte), besaß ich auch ein weißes Plastik-Pferd mit lila Mähne, in dessen Sattel sich ein Schließfach befand, welches sich, nebenbei bemerkt, auch mühelos mit einem Bleistift öffnen ließ. Zum Glück, denn irgendwann war der Schlüssel nicht mehr auffindbar. Auch nicht auf die schmerzhafte Art unter dem nackten Fuß. Erst jetzt habe ich durch googlen herausgefunden, dass diese Dinger "Keypers" hießen, ein lang unentdecktes Wortspiel.

Kuscheltiere mochte ich besonders gern, was meine 5 Jahre ältere Schwester sicherlich bestätigen kann, habe ich doch allabendlich vor dem Einschlafen im gemeinsamen Kinderzimmer jedem Einzelnen meiner Kuscheltiere persönlich einen Gute-Nacht-Kuss gegeben. Ich hatte halt eine sehr enge Bindung zu den circa 100 Tierchen, zumal ich jedes mit einem individuellen Namen und einem Geburtstag versehen hatte. Diese Geburtstage waren nach dem Zufallsprinzip ausgewählt und nicht identisch mit dem Tag, an dem ich sie bekommen hatte. Ansonsten wären viele Ehrentage auf meinen eigenen Geburtstag oder Weihnachten gefallen. Um mir die vielen beliebigen Daten merken zu können, bastelte ich einen Geburtstagskalender, damit ja keiner vergessen wurde und die Geburtstage der liebsten Kuschelfreude auch mal so richtig gefeiert werden konnten.

Als Revanche für mein abendliches Geplapper, konnte sich meine Schwester meinen kindlichen Bewegungsdrang zu Nutze machen, wenn sie beispielsweise an gemeinsamen Fernsehnachmittagen Durst bekam. Mit einem "Ich zähl auch die Zeit" hatte sie mich schnell überredet und ich flitzte in Küche, um ihr einen Eistee oder Saft einzugießen. Wenn ich mit der Bestellung zurückkam, honorierte sie mich mit unrealistischen Stoppzeiten, die mich wahrscheinlich nur für die nächste Order anspornen sollten. Was soll ich sagen? Es funktionierte. Und wir verbrachten viel Zeit vor dem Fernsehgerät. Zumindest kann ich mir nur so diese Masse an Fernseherinnerungen erklären, die ich mit den 90ern verbinde. Oder das Alter zwischen 4 und 15 ist eine besonders prägende Phase, in der man alle visuellen und auditiven Eindrücke aufsaugt wie ein Schwamm. Um mich selbst zu beruhigen und die Erziehung meiner Eltern nicht in Frage zu stellen, nehme ich mal an, dass sich dieser präsente Nachhall unzähliger 90er-Jahre-Bewegtbilder zu einem gigantischen Erinnerungsknäuel zusammengefügt hat, es sich aber in Wirklichkeit um eine ganze Dekade Fernseh- und Filmgeschichte handelt, aus der ich nur das Beste herausgefiltert habe. Und das Beste war viiiiel.

Als Grundschulkind war ich am Wochenende meist schon gegen 6 Uhr putzmunter: Was also tun, als meine Mutter artig flüsternd mit einer Frage zu wecken: "Darf ich fernsehen?" Meistens wurde mir ein "Ja" entgegengemurmelt und so verbrachte ich die frühen Morgenstunden mit Pumuckl, der Gummibärenbande, Chip, Chip, Chip, Chip&Chap und einer Schüssel Smacks auf dem Schoß. Am Nachmittag ließ ich mich gerne von Bim Bam Bino oder dem Li-La-Laune-Bären durchs Programm führen und ein paar Jahre später war ich am liebsten bei den unzähligen Fernsehfamilien zu Gast, deren Introsongs die besten Ohrwürmer hervorbrachten.

Abends gab es dann Erwachsenenfernsehen, wie zum Beispiel "Die Knoff-Hoff-Show", bei der ich erst viel später den Wortwitz verstand, brachte uns Joachim Bublath in seinem erklärenden Singsang doch wissenschaftliches "Know How" näher. Alle zwei Monate kam das Highlight: "Wetten Dass..?" Das durfte ich gucken, bis ich auf der Couch einschlief. Das war nicht nur als Kind eine Herausforderung, gab es doch kaum eine Sendung, die Gottschalk nicht überzog. Meistens fand ich mich am nächsten Tag wie von Zauberhand in meinem Bett wieder und konnte mich nicht mehr an den Wettkönig des Abends erinnern.

Mein Musikgeschmack war anfänglich sehr von meinen Eltern geprägt, weswegen die Erinnerungen meiner Vorschulzeit mit den Songs von Eric Clapton oder Paul McCartney unterlegt ist. Ich erinnere mich an einen Familienausflug zum neueröffneten "WOM - World of Music", in dem meine Schwester und ich uns jeweils ein Album aussuchen durften. Ich entschied mich mit meinen 7 Jahren tatsächlich für das gerade erschienene Album "Back to Front" von Lionel Richie, was ich anschließend rauf- und runterhörte. Die damals aktuelle Single "My Destiny" (oder für mich: Lied Nummer 2) ist noch heute eines meiner Lieblingslieder, nicht zuletzt aufgrund der vielen Kindheitserinnerungen, die ich damit verbinde.

Nach einer Michael Jackson-Phase, die durch das bahnbrechende "Black or White"-Video gänzlich ausbrach und sich auch stark in der Wandgestaltung meines Kinderzimmers widerspiegelte, öffnete ich meinen musikalischen Horizont auch weiteren Bands und Sängern. Mit Hilfe des BRAVO-Abos war bald die gesamte deutsche TopTen an meinen Zimmerwänden ausgestellt. Nachdem ich mein Taschengeld zuvor gegen bunte Schnüre und Sticker eingetauscht hatte, gab ich es in meinem nun zweistelligen Alter hauptsächlich für Maxi-CDs aus. Wenn man sich meine CD-Sammlung anschaut, die heute gestapelt im Wohnzimmerschrank lagert, würde man nicht unbedingt denken, dass sie von einer einzigen Person stammt. Neben dem Superhit "MMM Bop" tummeln sich auch Singles von The Offspring, Blümchen, Puff Daddy oder auch Ace of Base. Zu all den Liedern der 90er habe ich sofort die dazugehörigen Musikvideos vor Augen. Das sind kurze Videoclips, in denen Bands ihre Songs bildlich umsetzen und für die damals im Fernsehen noch Sendeminuten zur Verfügung standen. "Caught in the Act" veranschaulichten ihr musikalisches Anliegen, indem sie mit eingeölten Oberkörpern tanzend in die Ferne schweiften (#sepiafilter), Mark Owen watete traurig durch den Kunstschnee, Angelo Kelly kam mit seinen großen Zähnen und zwei ausgestreckten Fingern auf die Kamera zu, Whigfield zwirbelte vorm Spiegel Zöpfe und Alicia Silverstone stürzte mit einem Bungee-Seil am Bauchnabel-Piercing von einer Brücke und zeigte mir den Stinkefinger. Heute dienen diese kleinen Filmwerke hervorragend als Zeugnis des unfassbar schlechten Modegeschmacks der 90er und dennoch wollte man genau diese rote Jeansweste, genau die Plateauschuhe und genau die neongrüne Flauschjack auch haben.

Alle halbe Jahre erreichte seeeehr schwere Post unser Haus. Der OTTO-Katalog war da! Ich liebte es, mich mit dem dicken Wälzer auf die Couch zu setzen und genüsslich jede Seite durchzublättern, mit großer Vorfreude auf die Abschnitte mit der Kinderkleidung oder später auch der "jungen Mode", die mir in kleinster Größe auch schon passte. Am Abend ging ich mit meiner Mutter die Seiten mit den umgeknickten Ecken nochmal durch. Hier wurde entschieden, welches der Teile wirklich bestellt werden sollte. Das machte man damals noch übers Telefon. Gespannt und aufgeregt lauschte ich dem Gespräch, was auf Seiten meiner Mutter nur aus einer Aneinanderreihung von Zahlen und Buchstaben bestand und mit der überaus wichtigen Information der Lieferzeiten beantwortet wurde.  Ich erinnere mich noch sehr gut an ein orange-blaues Adidas-Shirt in Fleecestoff mit Kapuze. Das war sofort lieferbar, ich behielt es auch und hatte es bestimmt ganze 3-mal an. So ein Fleecestoff mit Kapuze machte sich im Hochsommer irgendwie doch nicht so gut. 

Anfang der Neunziger bestand mein Kleiderschrank nur aus engen Stoffhosen, die je nach Jahreszeit, von der Radlerhose im Sommer über die Caprihose bis zur Leggins, immer länger wurden. Dazu trug ich selbstgestrickte, fast knielange Pullover in allen Farben, in denen Oma Wolle hatte. Eigentlich genau der Style, der gerade erst wieder in war und jetzt auch schon wieder out ist. Im Winter zog ich über die Wollstrumpfhose mit Zwickel hauptsächlich Hosen in Karottenform, manche mit Latz, manche aus Cord. Während ich meine Haare entweder mit einem Haarreif oder dicken Haargummis (in allen Farben, in denen Oma Stoff hatte) zusammenhielt, hatten manche Jungen eine ganz ungewöhnliche Vorliebe ihre Haare zu styl....nein, welches Wort passt da? - zu verunstalten. Auch heute gibt es noch Eltern, die ihren Söhnen beim Haare schneiden den Nacken nicht komplett kürzen, sondern ein kleines Schwänzchen stehen lassen, was bei eiserner Konsequenz zu einem richtig langen, gekringelten Rattenschwanz gedeihen konnte. Wir nannten diese light-Form des Vokuhilas bezeichnenderweise "Arschlochschwanz". Macht bitte nicht naiverweise den Fehler und googelt diesen Begriff in der Hoffnung ein Bild dieser Frisur zu finden. Nein. Ihr findet genau das, was ihr eingetippt habt.

Hex, Hex, Pling, Pling. Mit dem Millenium waren die 90er Jahre beendet und mit den 2000ern starteten meine Teenager-Jahre so richtig durch. Eine spannende Zeit begann, die ebenso Assoziationen in meinem Kopf und Musik in meinen Ohren hervorruft, allerdings verbunden mit einem ganz anderen Flair. Jede Dekade beschreibt eine Ära, in der mein Leben viele Veränderungen mit sich brachte und glücklicherweise gibt es Musik, Filme, Fernsehserien oder auch ganz banale Gegenstände, die uns für einen Augenblick eine Zeitreise gewähren und uns in Erinnerungen schwelgen lassen. Ich bin schon sehr gespannt, was mich in 30 Jahren zurück in die jetzige Zeit teleportieren wird.

Dream on Demand - oder: Ich kann fliegen


Klapper, Klapper, WUSCH, Bumm, Bang, KRACH. Gerade ist ein LKW durch mein Schlafzimmer gefahren, hat mich erfasst und mich aus meinem Traum gerissen. Jetzt bemerke ich auch, dass es sich bei demjenigen, der gerade noch ununterbrochen "Trainer, Trainer" rief, um eine Krähe vor meinem Fenster handelt. Das Krächzen ließ sich gerade so in den Traum einbauen. Für den LKW hatte mein Hirn so spontan keine Verwendung und beendete das Kopfkino abrupt. Und dabei war es doch gerade so spannend. Einfach nochmal umdrehen, Augen zu und weiter träumen. Vorher vielleicht lieber noch das Fenster schließen.

Leider funktioniert diese Taktik nur äußerst selten und hat man es tatsächlich wieder zurück in den Traum geschafft, verläuft dieser nicht mehr so, wie man sich das gewünscht hat, sondern nimmt eine unbefriedigende Wendung. Mit ein bisschen Übung - ich muss mich korrigieren - mit äußerst viel Übung lässt sich eine Technik erlernen, die den Träumer befähigt, aktiv und bewusst ins Traumgeschehen einzugreifen. So kann man spielend leicht wieder an die schöne Stelle des Traumes zurück kehren oder gleich in den nächsten aufregenden Traum zappen, alles ist möglich.

Jeder ist in der Lage "luzid" ( lat. lux, lūcis „Licht“) zu träumen. Wir alle tun es auch sehr häufig, nur leider erinnern wir uns meistens nicht mehr daran. Da zeigt sich schon das erste Problem. Wer keine gute Traumerinnerung hat, wird nicht mal wissen, ob das mit der Klarträumerei mittlerweile klappt. Das zweite und größere Problem ist, dass dem Träumer während des Träumens auffallen muss, dass er gerade träumt. Gott sei Dank haben sich ein paar kluge Menschen sogenannte Realitätschecks ausgedacht, die in dieser Hinsicht sehr hilfreich sein können. Fakt ist: Im Traum hat man nie 5 Finger. Seltsamerweise sind sprechende Hunde, Looping-U-Bahnen oder Reisen zum Mond total plausibel. Hat man aber eine unrealistische Anzahl an Fingern ist plötzlich helle Aufregung und man weiß: Jawollja! Ich träume!!


Zählt man tagsüber in regelmäßigen Abständen seine Finger (am besten die Finger dabei berühren und regelrecht abzählen) wird man dies auch irgendwann im Traum tun und dann eine von der individuellen Fingeranzahl abweichende Anzahl an Fingern vorfinden. Falls dieser Test aufgrund zusammengewachsener Finger oder einer verschwommenen Traumhand (ich spreche hier aus eigener Erfahrung) keinen Aufschluss bringt, erweist sich auch das Einatmen mit zugehaltener Nase als sehr dienlich. Im Traum funktioniert das natürlich, weil man in echt ja weiterhin bewegungslos und in die Decke gekuschelt im Bett liegt.  
Im Sommer vor zwei Jahren nahm ich mir vor das Klarträumen zu erlernen. Also begann ich   Traumtagebuch zu führen, tagsüber immer mal wieder meine Finger zu zählen und mich mit der Thematik intensiv auseinander zusetzen. Laut meiner Aufzeichnungen schaffte ich es nach 5 aufeinanderfolgenden, schlafintensiven Nächten in meinen ersten, bewusst wahrgenommenen Klartraum. Am besten träumt es sich nachdem man morgens kurz aufwacht, auf die Uhr schaut, sich freut, dass es erst 5:34 ist, sich umdreht und nochmal wegdöst. In dieser Phase hat es zumindest bei mir funktioniert. Nachdem ich wieder weggedriftet war, fand ich mich in einer Situation wieder, die als sehr merkwürdig einzustufen war. Ich war meine Cousine im Alter von circa 10 Jahren und rannte mit ihrer Freundin eine Einfahrt entlang. Da wurde ich stutzig. Warum bin ich 10? Und noch viel verwunderlicher, warum bin ich meine Cousine? Um ganz sicher zu gehen, zählte ich meine Finger und tatsächlich: Es waren nur vier. In dem Moment wurde ich in den Klartraum gezogen, ein ganz seltsames und wie ich gerade an mangelnden Worten merke, unbeschreibliches Gefühl.  


Der erste Reflex nach dieser Erkenntnis ist für die meisten: fliegen. Auch mir fiel im ersten Moment nichts Besseres ein, also stieß ich mich vom Boden ab und flog los. Leider scheint meinte Fantasie nicht für schöne Landschaften und atemberaubende Natur auszureichen. Ich spürte zwar den Wind unter meinen Armen und die Leichtigkeit des Fliegens, aber statt durch ein eindrucksvolles Tal oder den Grand Canyon zu fliegen, sah die Landschaft unter mir nur aus wie eine Google Maps Karte mit schlechtem Internetempfang. Das machte nach einer Weile keinen Spaß mehr und ich driftete langsam wieder zurück in einen Trübtraum. Um mich wieder zurück zu holen, zählte ich abermals meine Finger und diesmal waren es sechs. 

Ein kleiner Tipp am Rande: Wenn ihr das Ganze auch mal probieren wollt, dann überlegt euch vorher, was ihr gern im luziden Traum erleben wollt. Alles ist möglich, es gibt keine Grenzen. Stürzt euch vom Empire State Building, macht mit 200km/h 'nen Wheely oder snowboardet auf einer Lawine. Den Vorteil der Unverwüstlichkeit machen sich auch Sportler zu Nutze, die besonders gefährliche Sprünge oder Bewegungsabläufe zunächst im Traum üben, bevor sie sich in der Realität trauen. Das Geniale daran ist, dass das Gehirn sich schon mal den Bewegungsablauf merkt und beim echten Versuch vorbereitet ist.


Nach meinem spontanen Flug entschloss ich mich jedoch für etwas Ungefährliches, aber dennoch im wahren Leben wohl Unerreichbares. Ich fand mich in einer Holzhütte wieder und bestellte bei meinem bewussten Unterbewusstsein ein Treffen mit Leonardo DiCaprio. Ich versuchte mich zu konzentrieren und öffnete energisch die Tür, hinter der ich ihn erwartete. Zu meiner Enttäuschung standen auf der Veranda nur zwei junge Frauen im Hostessen-Dress. Das hat wohl nicht so gut geklappt. Eine der Frauen, mit einem Klemmbrett in der Hand, entschuldigte sich vielmals bei mir und meinte, sie benötige noch eine Information und zwar welches Aussehen von Leonardo ich mir gerne wünschte. Wenn ich mich recht erinnere, ging es um seine Frisur. Während sie das fragte und ich ihr sagte, dass mir das sowas von egal war, hörte ich bereits Schritte auf den Treppenstufen. Ich drehte mich um und da war er. Leonardo DiCaprio, gefolgt von seiner Entourage, kam auf mich zu und begrüßte mich, als würden wir uns bereits kennen. Wir gingen ins Haus und er schaute sich still und leise um. Nach ein paar Momenten des Schweigens und aufkommender Langeweile, ergriff ich die Initiative und knutschte ihn ab. Die Situation muss man schließlich ausnutzen. Und worüber soll man sich mit Traum-Leonardo auch unterhalten? Mal ehrlich.

Der nächste Klartraum ließ leider ein paar Monate auf sich warten und ereilte mich morgens nach dem erstmaligen Aufwachen und in einem leicht fiebrigen Zustand. Das war scheinbar eine gute Mischung. In den folgenden, gefühlten Stunden, probierte ich "halbklar" alle möglichen Realitätschecks aus, von denen ich jemals gelesen hatte. Neben Fingeranzahl und Atmen, gäbe es da noch das Lesen. Im Traum kann man nicht wirklich lesen, zumindest steht beim zweiten Hingucken irgendetwas anderes da oder die Schrift ist verändert. Ich erinnere mich, im Traum ganze Seiten gelesen zu haben, wobei das Gelesene meist nur aneinander gereihte Buchstaben sind, die kaum bis keinen Sinn ergeben. Leider konnte ich in dieser Situation nichts Verwunderliches feststellen, höchstwahrscheinlich, weil ich zu dieser Zeit meine Aufmerksamkeit im Real Life anderen Dingen schenkte und das Klarträumen auf Eis lag.

Das A und O ist, dass man sich mit der Thematik des Klarträumens auseinandersetzt. Vielleicht hat bei dem ein oder anderen das Lesen dieses Blog bereits ausgereicht. Dann zählt doch direkt mal eure Finger, ich warte so lange... Ganz genau hingucken und schön abzählen. Richtig. Nehmt euch heute vor dem Einschlafen vor, diese Nacht ganz aufmerksam zu verfolgen. Hofft auf eine gute Traumerinnerung und trinkt fürs leichtere Einschlafen ein Glas warme Milch. Aber geht  sicherheitshalber nochmal auf die Toilette. Auch wenn ich fast jede Nacht träume, mache ich doch manchmal einen großen Fehler und sabotiere meine Chance auf solide Träume mit der Aussicht auf Klarträume, in dem ich abends zu faul bin nochmal aufs Klo zu gehen, obwohl ich merke, dass ich  eigentlich dringend müsste. Meine Träume werden sich in den folgenden 6 bis 7 Stunden ausschließlich um den Toilettengang drehen, den ich im Traum leider und in der Realität glücklicherweise nie erfolgreich vollenden kann. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass ich mittlerweile alle möglichen Szenarien erträumt habe, die es mir unmöglich machen in Ruhe aufs Klo zu gehen. Entweder sind die Toilettenabgrenzungen zu niedrig, die Türen aus Glas oder geöffnet oder die Toiletten stehen gänzlich auf öffentlichen Grund mit viel Durchgangsverkehr, wie zum Beispiel einer Umkleidekabine oder im Museum. Viel Anlass zum Finger zählen gibt es da leider nicht.


Ich hoffe, auch mir bringt die erneute Auseinandersetzung mit diesem Thema demnächst ein Wiedersehen mit einem luziden Traum. Ich werde in Zukunft wieder regelmäßig die Anzahl meiner Finger überprüfen und, wenn mich das nicht zu sehr überfordert, vielleicht auch weitere Realitätschecks in meinen Alltag einbauen, um meine Expertise im Bereich Klartraum zu erweitern. Am besten erstelle ich parallel dazu eine Liste mit wünschenswerten Traumerlebnissen und schaue mir die Dokumentation "Unsere Erde" an und präge mir alles genauestens ein, damit die Landschaften, wenn ich vor Schreck doch nur zum Fliegen komme, wenigstens nach was ausschauen.



I had a dream - oder: Auf einmal warst du ein Hund


Es ist mir nicht möglich einen Traum nachzuerzählen ohne die Worte "irgendwie" und "auf einmal" zu verwenden. Jeden dritten Satz beginne ich mit einem "Und dann hab ich geträumt..." und unterbreche meine konfuse Nacherzählung immer wieder mit Denkpausen und einem "Ach, nee. Zuerst war...". Nichtsdestotrotz möchte ich mich nach dem Aufwachen gern austauschen und mein Frischgeträumtes weitergeben, bevor es in Vergessenheit gerät. Glücklicherweise ist meine bessere Hälfte ebenso verträumt und die Retoure an inkonsistenter Traumschilderung folgt auf dem Fuße.

Es herrscht Ausgeglichenheit und auf diese Weise startet so mancher Tag mit einem Lachanfall, hat der Verlobte seine Nacht beispielsweise als überzeugendes Madonna-Double verbracht. 

Dieses unwillkürliche Beispiel veranschaulicht eindrucksvoll die Logik und Sinnhaftigkeit der Begebenheiten unserer Träume. Meine Träume besitzen häufig einen so abenteuerlichen Charakter, dass sie sich hervorragend als Filmstoff für einen packenden, komplexen Thriller eignen würden. Dann jedoch beendet der Wecker oder ein anderes nerviges Geräusch diesen Traumzustand und während das bewusste Hirn langsam wieder das Steuer in die Hand nimmt, entfleucht die Genialität der Idee und der eben noch so perfekte Handlungsstrang, in dem sich die Ereignisse wie Zahnräder ineinander fügten, kann nur noch diffus widergegeben werden.

Ich habe ein relativ gutes Traumgedächtnis und bedauere jeden, dem das Träumen aufgrund beträchtlicher, nächtlicher Erinnerungslücken verwährt bleibt. Wer sich nach dem Aufwachen noch sehr gut erinnern kann, jedoch beim Zähneputzen schon gar nichts mehr weiß, der sollte sich vor dem ersten Augenaufschlag so wenig wie möglich bewegen und das Snoozen dazu nutzen, den Traum vor dem inneren Auge Revue passieren zu lassen. Jede Bewegung lässt die Erinnerung weiter und weiter verblassen. Wer dann noch Zeit hat, kann beim zweiten Snoozen das Geträumte in einem Traumtagebuch festhalten, wobei das dann nicht mehr viel mit Snoozen zu tun hat. Wer am Morgen noch nicht zu sonderlich viel zu gebrauchen ist, kann auch Stichpunkte notieren, solange man mit ihnen später noch was anzufangen weiß. Um noch mehr in die Materie einzutauchen, habe ich zeitweilig auch Traumtagebuch geführt und hierbei oft Probleme gehabt, später das meist liegend und teilweise mit geschlossen Augen Hingekrakelte zu deuten oder gar zu entziffern. Deshalb nahm ich mir alsbald dann doch die Zeit mich aufrecht hinzusetzen und den Traum in ausformulierten Sätzen aufs Papier zu bringen.

Je mehr man sich mit dem Träumen beschäftigt und sich tagsüber der Realität mehr bewusst wird, desto besser lässt sich nach und nach eine fundierte Traumerinnerung antrainieren. Wenn man schon ein Drittel seines Lebens verschläft, wäre es doch ganz nett sich an diese traumhafte Parallelexistenz erinnern zu können, in der man so viel erleben oder gar sich selbst besser kennenlernen kann. Es ist ja schließlich der Ort, an dem sich das Unterbewusstsein so richtig austobt.

Früher hielt ich Traumdeutung für Humbug, heute aber verstehe ich, wie das Gehirn das so macht mit der Verarbeitung all der vielen Dinge, die man tagein tagaus erlebt. Aber nicht jeder Traumgegenstand taugt für eine Psychoanalyse. Man muss schon genau differenzieren, was als Anstoß für dieses oder jenes Traumgebilde angesehen werden kann. Träume ich davon, nach hastigem Aufstehen und unvollständigem Schminken mit dem Zeppelin zur Arbeit zu fahren, vermischt sich meine Angst zu spät zu kommen mit der N24-Dokumentation, die ich vor dem Einschlafen gesehen habe. Hierfür muss ich also kein Buch/Internetseite/App zur Traumdeutung bemühen. 

Eher sind es wiederkehrende Traummotive, mit denen das Unterbewusstsein schwierige Lebensphasen des Träumers widerspiegelt oder ungeklärte Situationen zu verarbeiten versucht. Bei mir war es der Klassiker des "Nicht-Laufen-Könnens", welches mir in meiner Jugend fast jede Nacht den Traum versaut hat. Im Nachhinein habe ich erkannt, dass ich nicht ohne Grund mit schweren Beinen im Treibsand zu laufen versuchte, sah ich doch das Ende der Schulzeit in großen Schritten auf mich zu kommen - ohne Klarheit oder Plan über die Zeit danach. Ich glaube, die Erklärung dieser Traumsymbolik erübrigt sich ebenfalls. 

Kürzlich war ich aber selbst davon überrascht, wie mein Unterbewusstsein ohne mein Wissen einen dicken Strich unter einen Lebensabschnitt gemacht hat. Ich habe geträumt, dass mein Elternhaus bis auf die Grundmauern abbrennt, während ich vom Gartenzaun aus dabei zuschaue. In der Realität war ich am Tag zuvor ein letztes Mal durch die prachtvollen, aber leeren Zimmer der ehemaligen, elterlichen Wohnung gewandelt. Durch Räume voller Erinnerungen, mit den hohen Decken und dem verzierten Ofen, den Doppeltüren und dem Stuck. Räume in denen ich mein ganzes Kinder- und Jugendleben verbracht hatte und die nun aufgrund ausgezogener Kinder zu viele Quadratmeter für die Eltern hatten. Beim Verlassen der Wohnung überlegte ich, ob ich mich bereits damit abgefunden hatte, dass diese Wohnung nun der Vergangenheit angehörte und ob mein Unterbewusstsein den Umzug der Eltern akzeptierten konnte. Der Traum gab mir unvermittelt die Antwort.


Dennoch ist und bleibt diese Wohnung, beziehungsweise das Haus mit Hof, sowie die unmittelbare Gegend drumherum, der häufigste Schauplatz meiner Träume - alles jedoch im Zustand von 1995, einer wohl sehr prägenden Phase meines Lebens. Auch das Cast, mit dem ich meine Traumabenteuer erlebe, bedient sich an Personen aller Epochen meines Lebens. Meistens ist es ein großes Kuddelmuddel aus ehemaligen Mitschülern, Kollegen und Familienmitgliedern angereichert mit Personen des öffentlichen Lebens. Hier und da taucht auch gern mal ein sprechendes Tier auf. Letzteres begegnet mir in der Tat immer häufiger, wobei sich der sprechende und aufrecht laufende Hund, um den ich mich kümmern muss, oft unbemerkt in ein ebenso begabtes Baby verwandelt oder umgekehrt. Ich wage mich mal an die Interpretation dieses Traumes und lese darin die Angst vor Verantwortung für derartigen Schutzbefohlenen beziehungsweise den Wunsch, diese wären wenigstens ein Stück weit selbstständiger und könnten ihre Bedürfnisse problemlos mitteilen. 
Mh. Jetzt weiß ich auch, wo sich mein zukünftiger Kinderwunsch wohl am verlässlichsten bemerkbar machen wird. 
Erst wenige Male ist es mir gelungen, mich an derartigen Abstrusitäten zu stören. Die folgliche Sabotage des Traumes war zugleich ein Schlüssel. Ein Schlüssel zu der Tür, die aus der normalen Traumwelt, wo ich von seltsam eingerichteten Wohnwagen, Stelzentaxis und Mini-Brownie-Müslis träume (Exzerpte meines Traumtagebuches), hinaus in die Welt des Klartraumes führt. Gewissermaßen ein Traum-AddOn, oder besser noch ein Cheat, mit dem alles Denkbare möglich ist. 


Ice Bucket Challenge - oder: Maaaaaan, wie mich das nervt


Ich habe mir gerade einen Eimer mit eiskaltem Wasser über den Kopf gekippt. Im Moment weiß wohl jeder, warum ich das getan habe, in ein paar Jahren werden sich alle nur noch dunkel an das derzeitige Social Media-Massenphänomen namens "Ice Bucket Challenge" erinnern, mittlerweile ein sehr polarisierendes "Event".

Eigentlich soll damit ja auf die Krankheit ALS aufmerksam gemacht und Spendengelder gesammelt werden. Aber ist das Ganze nicht mittlerweile gekippt? Kommt diese Aktion nicht nur der narzisstischen Menschheit entgegen, die sich auf Facebook und anderen Kanälen profilieren will? Ist es nicht unfassbar überheblich, dass wir eimerweise - im wahrsten Sinne - sauberes Trinkwasser vergeuden, während in Afrika Menschen verhungern und verdursten?? Was bilden sich die Leute, die mich nominiert haben, eigentlich ein, mich zu einer solchen peinlichen Aktion zu zwingen??? Darf ich nicht mehr selbstbestimmt für mich entscheiden, was ich tun will und was nicht???? Äh. Doch. Und bei der Gelegenheit können sich die, die gerade beim Lesen zustimmend genickt haben, direkt mal den Stock aus dem Gesäß ziehen.

"Da ist ja nicht mal Eis drin"

Gerade erschien in meinem Facebook-Newsfeed das Video einer Frau, die mit ernster Miene irgendwas davon erzählt, es nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren zu können, sich einen Eimer Wasser über den Kopf zu schütten. Ihrer Meinung nach ist aus dem eigentlich ernsten Thema, alberner Spaß geworden. Meine Güte, ein Wassereimer. Es nominiert dich niemand zur Nierenspende. Ich finde es furchtbar anstrengend, wenn bei derartigen Aktionen, immer wieder Stimmen laut werden, die mit Zornesfalte auf der Stirn und erhobenen Zeigefinger, anderen den Spaß verderben. Denn wenn nicht das Gießen an sich kritisiert wird, dann zumindest, dass da "viel zu wenig Wasser im Eimer" war oder "noch nicht mal Eis."  

Mit Hilfe der Ice Bucket Challenge wurden innerhalb weniger Wochen über 94 Millionen Dollar (Stand: 27.8.2014) Spendengelder gesammelt, was ohne die Aufmerksamkeit im Social Media wohl niemals in so kurzer Zeit möglich gewesen wäre. Anstatt sich darüber zu freuen oder einfach den Mund zu halten, wird akribisch nach dem Haar in der Suppe gesucht und sich neben Wasserverschwendung und dem Selbstdarstellungsdrang anderer dolle darüber aufgeregt, dass jetzt aber die anderen bösen Krankheiten der Welt gar keine Aufmerksamkeit mehr und somit auch keine Spendengelder bekommen. 

Ich selbst habe noch nie etwas gespendet, höchstens Klimpergeld oder Pfandflaschen an einen Obdachlosen. Ansonsten gehe ich immer schnurstracks, ohne eine Miene zu verziehen, an den organisierten Spendensammlern vorbei und vermeide gekonnt jeden Blickkontakt - einfach aus dem Grund, weil mir mein meistens nur 3-stelliger Kontostand es nicht erlaubt hat mal großzügig zu sein. Durch die Veröffentlichung des Eiswassereimer-Videos, habe ich gespendet, denn... wer will schon öffentlich lügen? Und ganz bestimmt haben mir das viele andere gleich getan und haben sich nicht nur aus Geltungsdrang das Wasser über den Kopf geschüttet. 

Ein Barbie Haus als Inbegriff des Sexismus?


Über Ähnliches musste ich mich vor ein paar Monaten aufregen, als für kurze Zeit ein lebensgroßes Barbie-Dreamhouse in der Nähe des Alexanderplatzes errichtet wurde. Dort drin gab es eine multimediale Barbieausstellung, lebensgroße Wohnbereiche und natürlich abertausende Barbiekleider zu bewundern. Für die Einen der Traum eines jeden Mädchens, für die Anderen der Inbegriff von Sexismus und Frauenfeindlichkeit. Hä? Hab ich was verpasst? Ja, Barbie ist sehr dünn und blond, aber auch ein Spielzeug, mit dem ich sehr gerne gespielt habe, während ich Schokoriegel, Eis und Gummibärchen in mich reingestopft habe. Ich glaube, dass ich als Kind nicht mal gemerkt habe, das Barbie übertrieben dünn ist und ich nicht einen Gedanken daran verschwendet habe, auch so aussehen zu wollen. Darauf kam und kommt es einfach nicht an. Ich habe meiner Barbie eine tolle Wohnung eingerichtet, in der sie mit einem muskulösen, aber auch liebevollen Ken (der sich irgendwann leider durch einen Unfall seinen Arm irreversibel ausgekugelt hat), ihren zwei Kindern und den Bobtails lebte. Barbie hatte einen tollen Job, war erfolgreich und hatte wunderschöne Outfits. Alle, die darin nur Sexismus sehen, haben noch nie ernsthaft mit Barbie gespielt, sondern wahrscheinlich nur mit biologisch abbaubaren Holzbausteinen, Murmeln (Vorsicht! Verschluckgefahr!) und realitätsnahen Leinenstoffpuppen mit Migrationshintergrund. Außerdem ist auch der Fakt nicht zu verachten, dass Mädchen nicht nur einzig von Barbie erzogen werden, sondern ihre Eltern da auch noch ein Wörtchen mitzureden haben. Sollten sich Kinder so sehr von ihrem Spielzeug beeinflussen lassen, dass sie anfangen sich den Finger in den Hals zu stecken, dann ist da wohl noch einiges mehr schief gelaufen. Ähnliches gilt auch für die sogenannten "Ballerspiele", aber damit fange ich jetzt gar nicht erst an. 

So gehen die Gauchos


Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber ich mag Gemeinschaftsgefühl. Deswegen mag ich auch Musicals und FlashMobs, weil da alle so schön zusammen tanzen und singen. Ist das nicht auch der Grund, warum man zum Beispiel bei der WM zum public viewing geht und die Fähnchen ans Auto hängt? Und während sich der Großteil der Deutschen über den langerwarteten WM-Sieg der Nationalmannschaft freut, sitzt der schlechtgelaunte Miesepeter irgendwo, wo er bitte nichts von diesem "Radau" mitbekommt und sich ungestört über den seit Wochen vorherrschenden Fake-Nationalstolz ärgern kann. Anschließend wird noch bitterböse über die peinliche Siegesfeier gebrabbelt - Stichwort "Gauchos". 
Ich hingegen werde wohl noch lange an den Abend im Pub und die sieben unglaublichen Momente zurück denken, in denen ich mich langsam, aber sicher in einer großen "Versteckte Kamera" World Wide Edition glaubte. Ich bin kein großer Fußball-Fan, auch kein saisonaler, aber dieser Abend war trotzdem besonders. Nicht zuletzt wegen meiner kurzzeitigen, wenn auch irrealen, Fähigkeit des Hellsehens. Circa 10 Sekunden vor dem nächsten Tor vernahm ich ein kaum spürbares Brodeln und Vibrieren, schaute dann ungläubig auf die Leinwand und sah wenige Momente später tatsächlich ein Tor.  Das passierte, wir erinnern uns FAST alle, 4 mal direkt nacheinander. Das Brodeln kam vom Public Viewing aus der Bar die Straße runter, die Dank Kabelfernsehen schon etwas früher jubeln konnten. Alle, die man anschließend aus Bars torkeln oder in der U-Bahn erschöpft Heim fahren sah, konnten an diesem Abend etwas aufregendes in ihr Tagebuch schreiben und viele werden wohl noch ihren Enkelkindern vom 7:1 berichten, so wie Millionen andere WM-Zuschauer weltweit. 

Genauso ist es doch jetzt auch mit der #icebucketchallenge und ich freue mich, dass ich jetzt etwas mit Leonardo DiCaprio und Justin Timberlake gemeinsam habe...oh, ich muss direkt mal schauen, ob sich auch Zac Efron schon mit Wasser übergossen hat....jaaaa, hat er natürlich. Es ist doch viel schöner, sich durch etwas Positives in irgendeiner Art verbunden zu fühlen, als durch gemeinsamen Hass.

Negative Vibrations

Diese Negativität, die manche Mitmenschen scheinbar bis zur Oberkante Unterlippe stehen haben, begegnet mir leider oft im Alltag und scheint bei den meisten nur wenig Anlass zu benötigen, um überzuschwappen. Das beginnt manchmal schon morgens auf dem Weg zur Arbeit. Ich stehe an der Straße und warte darauf, sie zu überqueren. Ein Radfahrer kommt schnellen Trittes angefahren, ein Autofahrer will abbiegen und sieht den Radfahrer scheinbar zu spät. Sei's drum wer "Schuld hat", auf jeden Fall müssen beide überraschend bremsen und geben danach die Top 3 ihrer Lieblingsschimpfworte zum Besten. Ich stehe als unbeteiligter Augenzeuge daneben und kriege die ganze negative Energie ab. Somit haben wir alle drei einen scheiß Start in den Tag.

Selbe Stelle, anderer Morgen. Ich will wieder die Straße überqueren und neben mir ist eine Radfahrerin, die, wie ich vermute, nach links abbiegen will, aber dann doch nach rechts fährt, was bedeutet, dass wir fast kollidieren. Ich sage: "Huch." Sie sagt: "Oh, Entschuldigung, ich hab Sie gar nicht gesehen." Ich sage: "Ich dachte, Sie wollen nach links. Sorry." Sie: "Entschuldigung. Schönen Tag noch." Bam! Der Tag beginnt mit einer netten Unterhaltung unter Fremden. Mit freundlichen Worten ist allen so viel mehr geholfen, als mit einer schroffen "Alle sind doof"- Einstellung. 

Ich bin mir der Ironie bewusst, dass ich mich mit diesem Blogeintrag negativ über diejenigen äußere, die sich immer negativ äußern. Ich gebe damit aber gerne einen Denkanstoß nicht immer alles direkt zu politisieren, zu ernst zu nehmen oder allgemein alles was Mainstream ist, erstmal doof zu finden. Das kann man schon mal üben, denn das wird in unserer medialen Gesellschaft mit der Zeit sicherlich nicht einfacher. 
Falls mein Geschriebenes auf taube Ohren getroffen ist, bin ich zumindest meinen persönlichen Frust losgeworden, der durch die Reaktionen auf die #icebucketchallenge resultierte und sich noch vom Barbiehaus angestaut hatte. 

German Horror Story - oder: Eiskalte Riesenpranke


Horror-Filme haben mich sehr geprägt. Von meinen frühen Teenager-Jahren bis zur Volljährigkeit habe ich den Horror-Film-Boom mit großem Spaß an der Freude mitgemacht. Ich habe sie alle drölf Mal gesehen: "Scream" 1-3, "Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast" 1 und 2, "The Ring" 1 und 2 und all die zahllosen anderen Filme mit blassen Kindern in den Hauptrollen. Das machte mir in dieser Zeit nichts aus. Davor und danach allerdings umso mehr.

Mehrere Jahre meiner Kindheit schlief ich mit offener Tür zum erleuchteten Wohnzimmer. Alles begann eines Abends im Jahre 1990. Ich war 5 Jahre alt und lag bereits im Bett, da ertönten aus dem Wohnzimmer mir bekannte Klänge: "It's close to midnight and something evil's lurking in the daa-aark." Meine Schwester und ich tippelten ins Wohnzimmer und sahen auf dem Röhrenfernseher mindestens zwanzig Zombies, die perfekt choreographiert ihren Gräbern entstiegen. Einem fiel dabei sogar der Arm ab. Dieser Anblick hat mich wohl zutiefst beeindruckt, sodass ich mich noch heute sehr gut daran erinnern kann und anschließend ein ziemlich großer Michael Jackson-Fan wurde.

Mit meiner Angst vor Geistern und Gespenstern wuchs simultan auch eine gewisse Begeisterung für sie. Ich konnte das Thema also nicht einfach aus meinem Weltbild verbannen und nicht mehr daran denken. Eher entstand in mir ein Perpetuum mobile, in welchem sich die Furcht und Faszination fürs Übersinnliche, immer wieder gegenseitig befeuern. 

Mein Vater besaß damals (heute besitze ich sie bezeichnenderweise) die Buchreihe "Die Welt des Unerklärlichen", bestehend aus 10 kleinen Büchern über Ufos, Geister und andere rätselhafte Phänomene. Immer wieder machte ich den Fehler und stibitze heimlich eines der Bücher, um darin zu blättern. Allein die Bilder bereiteten mir Albträume, und die waren es hauptsächlich, die ich mir anschaute. Nicht auszudenken, ich hätte damals auch den erklärenden Text drum herum gelesen. Wahrscheinlich hätte dann das Schlafen bei Licht nicht mehr ausgereicht und ich hätte meine Nächte von nun an in der Ritze zwischen meinen Eltern im Ehebett verbracht. 


Weihnachten 1998 bekam ich das aktuelle Guinness-Buch der Rekorde geschenkt. Die Seiten mit den Rekorden, die Menschen aufgrund ihrer körperlichen Veranlagung oder Fähigkeiten aufgestellt hatten, interessierten mich am meisten. Wenn Schrift pro Lesevorgang immer mehr verblassen würde, stünde auf diesen Seiten schon lange nichts mehr. Besonders ein Mann und sein Rekord hatten es mir angetan - sowohl im positiven, als auch negativen Sinne:

Robert Wadlow war der größte Mann der Welt. Er starb im Jahr 1940 im Alter von 22 Jahren und mit einer Körpergröße von 2,72m. Auf Abbildungen neben seinem rekordbringenden Eckdaten sah man ihn neben normalgroßen Menschen stehen und ich konnte nicht umher, ihn mir in allen möglichen und für ihn unmöglichen Situationen auszumalen. Was muss der für ein riesiges Bett gehabt haben? Wie hoch hing sein Klo und wenn es ein normales war, wie saß er darauf? Das, woran wir gerade alle denken, habe ich mir natürlich nicht vorgestellt, sondern hoffte für die damaligen Frauen in seiner Umgebung, dass er bis zum Ende seiner Tage Jungfrau blieb. 
Diese alten Schwarzweiß-Aufnahmen und sein sonderbares Aussehen, gepaart mit meinem ausgeprägten "Übersinn", machten den Gruselfaktor perfekt. Von nun an, ließ mich die Vorstellung, Robert Wadlows Geist würde mich zu nachtschlafender Stunde besuchen, nicht mehr los und mich bei jedem kleinen Geräusch in meinem Zimmer aufschrecken. Die Tatsache, dass ich damals in einem Hochbett circa 3 Meter über dem Boden schlief, macht diese Vorstellung eigentlich nur noch schlimmer. Auf Zehenspitzen wäre es Robert wahrscheinlich tatsächlich gut möglich gewesen, mir posthum mit seiner Riesenhand die Decke wegzuziehen.


Robert Wadlow ist der Dritte von rechts. 

Heute, mit fast 30, bedient sich meine blühende Fantasie an einem Potpourri aus Filmen und Serien jedweden Genres, tagesaktuellen Ereignissen und banalem Schwachsinn. 

Wenn ich an einem ganz normalen Tag über die Stufen der U-Bahn den Alexanderplatz betrete, entsteht in meinem Kopf die Exposition eines Action-Dramas. Szenenartig sehe ich lachende Touristengruppen, Kinderwagen schiebende Frauen und Teenager mit Einkaufstüten, die aufgedreht gestikulieren. Bestenfalls spielt ein Straßenmusiker eine fröhliche, wenngleich unschuldige Hintergrundmusik. Im Film würde jeden Moment eine Bombe hochgehen, ein Amokläufer um sich schießen oder ein Flugzeug in die Szenerie krachen. Das alles passiert in meinem Kopfkino und ich merke mir schon mal die Gesichter der Leute, mit denen ich die nächsten 90 Minuten, irgendwo eingeklemmt/eingesperrt/versteckt um mein Leben hoffen und bangen muss. Im echten Leben gehe ich einfach an den vielen Komparsen vorbei, verschwinde in der Galeria Kaufhof und kaufe überteuertes Make-up (was aber leider so gut ist, dass ich es immer wieder nachkaufe).

Im Alltag zeigen sich diese "Was wäre wenn?"- Visionen gleich am Morgen auf dem Weg zur Arbeit. "Was wäre wenn, mein Handy beim Verlassen der U-Bahn in die Lücke zwischen Zug und Bahnsteigkante fällt?" You know, the gap between platform and train, vor der sogar die Ansage im Zug warnt. Deshalb ist es schon zum Reflex geworden mein Handy in diesem Moment besonders fest in der Hand zu halten, sodass mir auch kein Schuppser das Handy aus der Hand schlägt. 

Natürlich gibt es auch die gängigen Situationen, die finaldestinationesque vor dem inneren Auge ablaufen: Was wäre wenn......ich vor die Bahn geschubst würde, ich mit dem Schuh in den Straßenbahnschienen stecken bleibe, ich stolpere und mir am Geländer die Zähne ausschlage und dem fiesesten: sich mein Finger versehentlich gänzlich in die falsche Richtung umklappt? Ist schon ganz schön anstrengend, dieses viele, unschöne Nachgedenke. 

Die Geister, die ich rief, bin ich einigermaßen losgeworden, aber nur weil ich abends meistens so müde bin, dass ich gar nicht dazu komme, sie zurück in meinen Kopf zu lassen. Der dicke Panzer aus Selbstdisziplin gegenüber angstbringenden Gedanken tut sein Übriges. Ich könnte mir aber vorstellen, dass ich in der richtigen Verfassung nachts beim Zappen, beispielsweise beim "Blair Witch Projekt" hängen bleiben würde...bis zum bitteren Ende, an dem die Kamera zu Boden fällt. Vermutlich müsste ich anschließend das Licht einschalten und eine Wohnungsbegehung machen, bei der ich jeden Winkel und jede Ecke nach eventuellen Eindringlingen, tot oder lebendig, inspiziere. Danach die Wohnungstür checken und vorsichtshalber den Schlüssel noch einmal im Schloss umdrehen. Um die verwirrten Gedanken beim Einschlafversuch nicht zu sehr auf Wanderschaft gehen zu lassen, werden sie durch eine Folge Bibi Blocksberg abgelenkt und auf die richtige Fährte gelockt. Wenn ich dann zum Geräusch von Bibis Gelenkus-Knackus sanft eingeschlafen bin, bleibt nur zu hoffen, dass mich das Hochklacken der Kassette nicht wieder aufschrecken und unweigerlich vermuten lässt: Robert Wadlow ist zurück.  





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